Feierabend

Feierabend / Foto: Spieltroll

Friedemann Friese ist für mich ein Spieleautor, der zwischen Genie und Wahnsinn hin und her taumelt. Ich traf ihn einst in der Spielerei in Bremen, wo seine damals noch wenigen Spiele, käuflich zu erwerben waren. Frischfleisch kaufte ich damals in einem Pappkarton mit lustiger Banderole. Das Spiel spiegelt für mich bis heute sein Genie genauso wie seinen Wahnsinn wieder. Er ist ein bißchen braver geworden, was seine Mechaniken angeht, aber er macht immer noch zeitweise tolle Spiele. Leider schleichen sich auch immer wieder totale Rohrkrepierer ein, was mich aber nicht davon abhält seine Spiele weiterhin immer wieder auszuprobieren, sofern sie mir irgendwie interessant vorkommen. Feierabend musste ich allein wegen des Themas schon ausprobieren und habe es blind gekauft ohne auch nur irgendwas sonst über das Spiel zu wissen. Wirkt es doch auf den ersten Blick wie ein „guter alter Friese“ in grünem großformatigen Karton mit Maura-Illustrationen. Was ich ein wenig seltsam fand, war allerdings die Tatsache, dass man das Spiel nur über die 4X-App von Hunter und Cron vorbestellen konnte. Hängt wohl irgendwie mit der Wiederveröffentlichung von Fiese Freunde Fette Feten durch die beiden zusammen. Das Spiel sollte aber inzwischen auch im normalen Handel erhältlich sein.

Worum geht es?

Arbeitskampf, Rechte von Arbeitern und eigentlich um das Verhältnis der Work-Life-Balance. In Feierabend geht es also um genau den Feierabend, den Friedemann Friese mal wieder in seiner unnachahmlichen Art versucht in ein Spiel zu kleiden. Die Spieler sorgen dafür das ihr Team aus Arbeitern im Laufe der Zeit zu besseren Arbeits- bzw. Freizeitbedingungen kommt. Erholung ist das Ziel und wer am Ende nachdem der Wert von vierzig zum ersten mal überschritten wurde, die meiste Erholung für sein Team erwirtschaftet hat, gewinnt Feierabend. Auf dem Weg dahin kämpfen sie für ihre Rechte, bekommen mehr Lohn, fahren in den Urlaub und verbringen die Freizeit in der Kneipe oder auf dem Jahrmarkt. Das Spiel bezeichnet sich selbst als After-Worker-Placement-Spiel.

Wie läuft das ab?

Der Spielaufbau ist schnell erledigt, aber er ist sehr umfangreich und benötigt einen sehr großen Tisch um alles spielgerecht aufbauen zu können. Insgesamt gibt es sechs Spielpläne, von denen drei rund sind, und hinzu kommen noch kleine Spielerablagen. Die Spielpläne sollten von allen erreichbar sein, denn die Spieler müssen sie tatsächlich auch alle erreichen können. Ihre eigenen Ablagen sind im Vergleich wirklich winzig klein und eigentlich überflüssig. Hier werden nur die eigenen Arbeiter gelagert und sie heißen im Spielverlauf Fabrikplan. Die Spielpläne sind alle doppelseitig bedruckt, so dass man sie für verschiedene Spieleranzahlen benutzen kann.

Feierabend – Fabrikplan mit Arbeitern
/ Foto: Spieltroll

Die Spieler bekommen zu Spielbeginn ihre sieben Arbeiter, drei Frauen und vier Männer und sechs Holzscheiben in ihrer Farbe. Die Arbeiter stehen zu Beginn je nach Spieleranzahl nicht alle auf der eigenen Fabrik, sondern einige können auch in der Wohnung auf dem sogenannten Hausplan stehen. Eine Tabelle im Regelheft gibt darüber genauer Auskunft. Außerdem schlüsselt sie auch das Startkapital für jeden Spieler auf, denn auch das ist je nach Spieleranzahl und Spielposition unterschiedlich. Feierabend lässt sich von zwei bis sechs Spielern spielen, aber dazu gebe ich im Fazit meine Meinung ab. Als weitere Ressource gibt es in Feierabend noch Streikmarker und von denen bekommt jeder Spieler vier Stück zum Spielstart. Streikmarker, Geld und Partnerspielsteine werden als allgemeiner Vorrat irgendwo platziert.

Die sechs Scheiben werden auf den Spielplänen verteilt und ich gehe die jetzt mal alle durch und schreib dazu, wo die Scheiben hinkommen.

Freizeitplan, Vergnügungsplan und Urlaubsplan

Dies sind die drei runden Spielpläne und hier setzen wir hauptsächlich unsere Arbeiter ein, um Erholung zu generieren. Auf dem Freizeit- und dem Vergnügungsplan gibt es jeweils drei Ringe mit unterschiedlichen Aktivitäten, die wir ausüben können um Erholung zu generieren. Einige benötigen Geld, andere einen Partner, damit wir sie überhaupt wählen dürfen und das Blind Date bringt uns gar einen Partner für einen Arbeiter ein. Der Urlaubsplan ist zu Beginn des Spiels noch tabu. Das Recht auf Urlaub müssen sich die Arbeiter erst erstreiken. Deshalb wird eine Scheibe jedes Spielers auf diesem Plan bei 0 Wochen Urlaub abgelegt.

Hausplan

Dieser Plan ist zweigeteilt. Im oberen Bereich gibt es zwei bzw. drei weitere Einsatzfelder für unsere Arbeiter. Das erste Feld zeigt die Kneipe und die ist zweigeteilt. Hier können wir unsere Arbeiter zum Feierabendbier parken, was natürlich Geld kostet oder aber sie können sich nach der Arbeit noch was dazu verdienen wenn sie hinter dem Tresen stehen, was zwar Geld bringt, aber Erholung kostet. Das zweite Feld ist die Wohnung unserer Arbeiter. Hier stehen zu Spielbeginn vielleicht schon ein paar Arbeiter, je nach Spieleranzahl und Position. Manchmal brauchen unsere Arbeiter einfach nur ein bißchen Schlaf und bekommen hier ein wenig Erholung um sonst. Diesen beiden Feldern ist gemein, dass sie die einzigen beiden sind, wo wir mit einem Zug ein bis drei Arbeiter einsetzen dürfen und die unbegrenzt Arbeiter aller Spieler aufnehmen können.

Feierabend – Hausplan / Foto: Spieltroll

Im unteren Bereich des Hausplans finden ein paar Leisten platz, auf denen wir unsere Holzscheiben platzieren müssen. Hier gibt es eine Leiste für unser Einkommen, denn wir können uns natürlich auch mehr Geld erstreiken. Eine Leiste für die Gender-Gap, also die Gleichberechtigung bei der Bezahlung der Geschlechter, denn unsere weiblichen Arbeiter werden schlechter bezahlt und wir können auch hier für Angleichung der Löhne streiken. Die dritte Leiste ist die für die Gewerkschaftshilfe und sie zeigt uns an, wieviel Hilfe wir jede Runde von der Gewerkschaft bekommen. Auch diese Hilfe können wir im Spielverlauf erhöhen. Zu Beginn erhalten wir ein Einkommen von sieben, müssen uns zwei für die Gender-Gap wieder abziehen und erhalten vier Streikmarken jede Runde. Unsere Scheiben stellen wir auf diese Werte.

Gewerkschaftsplan

Der Gewerkschaftsplan ist mehr eine Leiste, die wir unter den Hausplan anlegen können. Er ziegt uns je nach Spieleranzahl verschieden viele Gewerkschaftsvertreter zu denen wir gehen können, um einen Termin wahrzunehmen. Ein Termin bringt uns drei zusätzliche Streikmarken ein.

Feierabend – Gewerkschaftsplan / Foto: Spieltroll

Erholungsplan

Der sechste Plan ist sowas wie das Siegpunktetableau. Hier wird die Erholung angezeigt und die Spieler starten mit einem Wert von -5. Darüber ist die Arbeitszeitleiste und die Arbeiter haben zu Beginn eine 70 Stunden Woche. Diese beiden Werte werden hier mit den Scheiben angezeigt.

Feierabend – Erholungsplan / Foto: Spieltroll

Der Spielablauf ist so simpel wie bei jedem anderen Worker-Placement-Spiel. Ist man an der Reihe führt man eine Aktion aus. Drei Aktionen stehen einem Spieler zur Verfügung. Entweder stellt man bis zu drei Arbeiter auf den Hausplan oder man stellt einen Arbeiter auf einen der drei runden Pläne für eine Freizeitaktivität, oder aber man streikt für bessere Arbeitsbedingungen. Setzt man Arbeiter ein so kostet das manchmal Geld oder für bestimmte Aktionen benötigt der Arbeiter einen Partner (Manchmal auch beides). Hat man weder das eine noch das andere, so kann man das Aktionsfeld nicht benutzen. Möchte man streiken, so gibt man eine bestimmte Anzahl Streikmarker aus und setzt seine Scheiben entsprechend auf den Leisten voran. Dort ist immer angegeben, wieviele Streikmarken man abgeben muss, um voranzukommen. Das Voransetzen verbessert dann im weiteren Spielverlauf unsere Areitsbedingungen. Wir bekommen mehr Geld, mehr Streikmarken und mehr Erholung. Haben wir all unsere Arbeiter von unserer Fabrik eingesetzt und das kann durch die Möglichkeit verschieden viele Arbeiter auf dem Hausplan einsetzen zu können ja durchaus zu unterschiedlichen Zeiten passieren, handeln wir vier Punkte nacheinander ab. Erstens erleiden unsere Arbeiter Stress, den Gegenteil von Erholung. Je nachdem wie lang ihre Arbeitszeit in der Woche ist, müssen sie einen Wert von ihrem Erholungswert abziehen. Rutschen wir dabei in den extremen Stressbereich von unter -10 Erholung, so dürfen wir ind er nächsten Runde nur noch Arbeiter in die Kneipe schicken, bis wir wieder bei -9 landen. Als zweites bekommen wir Einkommen, das durch die Gender-Gap modifiziert wird. Als drittes bekommen wir Marken durch unsere Gewerkschaftshilfe und als letztes stellen wir unsere Arbeiter samt ihrer Partner wieder auf unsere Fabrik und starten von vorne. Arbeiter die im Urlaub sind werden eventuell nicht zurückgeholt, da sie eine weitere Woche Urlaub machen, je nachdem wo wir sie eingesetzt haben und wieviel Urlaubsrecht wir uns schon erstreikt haben. Sind wir bei einer 40 bzw. 25 Stunden Woche angekommen stellen wir einen Arbeiter permanent in Rente. Urlauber und Rentner sind gut für uns, da sie das Stressniveau um jeweils eins senken. Sollten wir also -10 Erholung durch Stress bekommen und je einen Rentner und Urlauber haben, so erleiden wir nur -8.

Feierabend – Arbeiter mit Partner auf dem Urlaubsplan / Foto: Spieltroll

Wir spielen solange weiter bis ein Spieler die 40 Erholung knackt. Damit ist das Spiel dann kurz vor dem Ende, wird aber noch weitergespielt, bis alle Arbeiter gesetzt sind. Sollte man nochmal an den Zug kommen und keine Arbeiter mehr zum Einsetzen haben, erhält man eine Erholung. Solange bis alle fertig sind. Am Ende kann man nocheinmal seine Streikmarker ausgeben. Die Arbeiter werden wieder in die Fabrik geschickt und erleiden Stress, wir erhalten Einkommen und Gewerkschaftshilfe. Wer nun die meiste Erholung hat und der Wert kann dabei durchaus wieder unter 40 Erholung fallen, gewinnt. Geld und Streikmarker sind Tiebreaker.

Feierabend – +1 Arbeiter-Chip / Foto: Spieltroll

Das Spiel zu zweit

Das muss ich bei Feierabend kurz gesondert abhandeln, denn das Spiel führt für zwei Spieler den „+1 Arbeiter“-Chip ein. Dieser bringt eine kleine aber irgendwie seltsame Regelung mit. Der Startspieler erhält ihn zu Beginn und kann wann immer er möchte den Chip für die Aktion auf den Freizeitplänen benutzen. Also das Einsetzen eines Arbeiters auf einem Feld der drei runden Spielpläne. Anstatt dann einen Arbeiter auf ein Feld stellen zu dürfen darf er nun zwi Arbeiter auf zwei Felder stellen. Das geht aber nur, wenn er auch noch zwei Arbeiter in seiner Fabrik hat. Danach bekommt der Gegenspieler den Chip und kann ihn einsetzen wann immer er möchte. Im Prinzip sofort und dann wandert der Chip wieder zurück. Spielt man mit weniger Spielern, stehen aber auch auf den Spielplänen nicht besonders viele Aktionen zur Verfügung. Das kann bei einigen Stationen zu ewigen Blockaden führen und scheint mir nicht bis zu Ende richtig durchüberlegt zu sein. Bei unseren Zweierpartien führte es dazu das sich ein Spieler schnell zwei Partner für Arbeiter durch Blind-Dates sicherte und noch bevor der andere überhaupt Partner haben konnte schon einen Motelbesuch machte. Die stärkste Aktion im Spiel, die günstig ist und einen Partner vorraussetzt. Es gibt durchaus Aktionen die mehr Erholung bringen, aber die sind auch teurer. Im Verhältnis bekommt man hier das meiste, wenn man die Vorraussetzungen schafft. Mit der Doppelaktion setzt man dann beide Felder des Motels zu und taktiert dann solange rum bis der andere die Aktion gerade nicht einsetzen kann und besetzt sie dann gleich wieder. Der Vorsprung den man sich damit rausarbeiten kann ist so stark das man auf jeden Fall gewinnt. Funktionierte bei uns jedesmal.

Das Fazit

Thema cool und wie fast immer auch mit geilen Maura-Illustrationen umgesetzt, aber leider muss ich sagen ist Feierabend für mich eher ein Rohrkrepierer. Das Spiel ist im Kern ein Worker-Placement-Spiel auf simpelstem und uninspiriertem Niveau. Gerade von Friedemann Friese erwarte ich fast schon mehr. Das Spiel ist zu normal und seicht, wenn man mal vom Thema absieht. Das Spiel ist zwar schnell gespielt und ohne nennenswerte Downtime, auch mit höheren Spielerzahlen, denn man macht wirklich nichts anderes außer einen Arbeiter einzusetzen und irgendeine Belohnung dafür zu erhaten. Ein Spieler der am Ende des Tisches mit dem Erholungsplan sitzt, macht im Grunde nichts anderes, als ständig die Scheiben der anderen Spieler auf der Erholungsleiste voranzuschieben. Das Material ist gut und puristisch, da habe ich überhaupt nichts dran auszusetzen, wohl aber an der fast schon lächerlichen Anzahl Spielpläne, die man nicht auf den Tisch bekommt. Schön aber unpraktisch. Feierabend kommt mir ein wenig wie ein Zaubertrick vor. Ganz viel Brimborium wird veranstaltet, nur um den Zuschauer abzulenken, damit er gar nicht bemerkt, dass der Trick eigentlich ganz simpel ist. Mit drei und mehr Spielern funktioniert das Spiel auch gut und man spielt aufgrund des Themas auch gern mal eine Runde, aber dann stellt man fest, dass es absolut nichts Neues zu bieten hat und sich total beliebig anfühlt. Schade eigentlich, denn das Thema Arbeitskampf hätte mal ein schönes Spiel verdient. Hinzu kommt natürlich noch, dass das Spiel zu zweit nicht gut funktioniert. Eine Solovariante gibt es auch noch, aber die habe ich nicht mehr ausprobiert. Feierabend war mir da schon zu langweilig. Nicht Fisch, nicht Fleisch.


  • Verlag: 2F Spiele
  • Autor(en): Friedemann Friese
  • Illustrator(en): Lars-Arne „Maura“ Kalusky
  • Erscheinungsjahr: 2020
  • Spieleranzahl: 2 – 6
  • Dauer: 45 – 75 Minuten

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