Architekten des Westfrankenreichs

Architekten des Westfrankenreichs / Foto: Spieltroll

Hinter diesem, sagen wir mal, etwas sperrigen Titel, verbirgt sich eins der wohl besten Spiele des Jahres 2018, wenn man mich fragt. Dabei macht es eigentlich gar nichts so wirklich neu oder anders, als schon bekannte Spiele dieses Genres, aber das, was es macht, macht es einfach sehr, sehr gut. Bei die Architekten des Westfrankenreichs mit dem neuerlichen Artwork von Themico Mihajlo Dimitrievski, handelt es sich nämlich eigentlich um ein ’normales‘ Worker-Placement-Spiel. Die Spieler setzen hier ihre Arbeiter ein, um bestimmte Rohstoffe zu bekommen oder Aktionen auszuführen. Im Gegensatz zu vielen anderen Spielen dieses Genres werden aber keine Runden gespielt, an dessen Ende man alle Arbeiter zurückbekomt, sondern man muß selber dafür sorgen, dass man seine Arbeiter auch von den Feldern zurückbekommt oder hoffen, dass die Mitspieler dafür sorgen. Wie das genau funktioniert? Lasst euch überraschen.

Worum geht es ?

Die Spieler schlüpfen hier in die Rollen von Adligen im Frankenreich, die versuchen den meisten Einfluß in Form von Siegpunkten zu generieren. Dabei helfen ihnen ihre Arbeiter und das sind, im Vergleich zu anderen Worker-Placement Spielen, sehr viele. Die Arbeiter versorgen einen mit Geld, Rohstoffen, Gehilfen und ermöglichen auch das Bauen. Bei den Architekten des Westfrankenreichs geht es im Wesentlichen darum, die Gebäudekarten, die man auf der Hand hat auch zu bauen, um Punkte zu erzielen. Es gibt auch ein paar andere Möglichkeiten Punkte zu erzielen, aber im Grunde bringen die Karten die meisten Punkte ein. Soweit nichts Neues, die Spieler können sich hier aber noch entscheiden, eine bestimmte Gesinnung anzunehmen und entweder tugendhaft oder eher halbseidenen Geschäften nachzugehen.

Wie läuft das ab ?

Jeder Spieler erhält ein Charaktertableau und seine zwanzig Arbeiter. Richtig gelesen, zwanzig! Das ist im Vergleich zu anderen Spielen eine Menge, aber man muss selber dafür sorgen seine Arbeiter wiederzubekommen, bevor man sie wieder einsetzen darf. Einmal eingesetzte Arbeiter bleiben nämlich bei die Architekten des Westfrankenreichs auf dem Brett, bis sie von irgendwem verhaftet worden sind und ins Gefängnis gesteckt wurden. Von dort kann man sie dann quasi wieder frei  kaufen. Für die Gegner kann sich das durchaus lohnen, weswegen dieser Mechanismus so gut funktioniert. In der normalen Variante des Spiels, sind die Charaktertableaus bis auf die Farbe und das Aussehen der Charaktere gleich. Alle haben die gleichen Voraussetzungen. Jeder bekommt zu Beginn ein paar Handkarten und ein wenig Startkapital. Ist ein Spieler am Zug darf er einen seiner Arbeiter auf einem der vielen verschiedenen Felder einsetzen und bekommt den Gegenwert in Form von Rohstoffen oder Aktionen.

Die Architekten des Westfrankenreichs Spielsituation / Foto: Spieltroll

Der zweite ungewöhnliche, nennen wir es mal, Twist, ist die Tatsache, dass man auf den Aktionsfelder für jeden Arbeiter, der dort bereits steht einen Multiplikator bekommt. Soll heißen, wenn ich einen Arbeiter auf den Wald stelle, wo man Holz bekommt und dort stehen bereits zwei meiner Arbeiter, so bekomme ich in dem Fall drei Holz. Das bringt eine enorme taktische Tiefe in das Spiel und macht konkrete Planung unausweichlich. Es gibt aber natürlich auch Felder, wie den Schwarzmarkt oder die Zunfthalle, wo immer nur eine Figur zur Zeit eingesetzt werden kann. Im Schwarzmarkt gibt es drei verschiedene Felder, auf denen verschiedene Aktionen ausgeführt werden können. In der Zunfthalle können wir Gebäude bauen und dies ist der einzige Ort, auf denen die Arbeiter für immer liegen bleiben. Die Zunfthalle fungiert deshalb auch als Trigger für das Spielende. Wenn eine bestimmte Menge Arbeiter hier liegen, wird das Spielende ausgelöst.

Die Architekten des Westfrankenreichs Tugendleiste und Schwarzmarkt / Foto: Spieltroll

Das dritte Element, dass die Architekten des Westfrankenreichs so außergewöhnlich macht, ist das Tugendsystem. Man hat die Möglichkeit in dem Spiel rechtschaffen zu agieren, oder ein wenig verbrecherisch untugendhaft unterwegs zu sein. Die Tugendhaftigkeit wird dabei auf einer Leiste angezeigt. Sind wir weit oben, so bekommen wir am Spielende Extrasiegpunkte. Dafür müssen wir aber auch auf bestimmte Vorteile verzichten. Den Schwarzmarkt sollten wir nicht zu oft aufsuchen, das sieht nicht gut aus und unsere Tugend sinkt. Wir sollten nicht zuviele Beutelschneider und Diebesgesindel als Gehilfen einstellen, das ist der Tugendleiste auch nicht hilfreich. Viele Effekte im Spiel beziehen sich auf die Tugendhaftigkeit. Im Umkehrschluß bleiben uns aber auch Dinge verwehrt, wenn wir ersteinmal am unteren Ende angekommen sind. Zum Beispiel dürfen wir nicht mehr am Bau der Kathedrale helfen. Die Vorteile, die man als Tugendloser erhält sind aber auch nicht zu verachten, denn wir zahlen kaum noch oder gar keine Steuern.

Das Geld ist ein weiterer sehr interessanter Kniff in diesem Spiel. Es dient, wie in vielen anderen Spielen auch als einfache Ressource. In den Architekten des Westfrankenreichs, bezahlt man mit Münzen und die gibt es als Kosten immer in zwei verschiedenen Farben. Wenn auf einer Karte, einem Gehilfen oder als Kosten für eine Aktion Münzen in braun und rot abgebildet sind, so bedeutet das, das man die roten Münzen als Steuern in das auf dem Spielplan befindliche Steueramt legen muß und die anderen normal bezahlt und in den Vorrat zurücklegt. Die Münzen aus dem Steueramt kann man sich über ein Aktionsfeld auch wieder einverleiben, nur ist das wieder nicht besonders tugendhaft.

Alles in allem sehr spannende Mechanismen und überhaupt nicht schwierig zu spielen. Im Endeffekt geht es natürlich wieder um Siegpunkte, die man zu Hauf in den verschiedenen Bereichen ergattern kann. Gebäude die man errichtet hat sind der Hauptlieferant, aber wie schon erwähnt, auch für die Tugendleiste bekommt man Siegpunkte und auch für den Kathedralenbau und sogar für sein Geld, wenn auch nur sehr wenig.

Die Architekten des Westfrankenreichs / Foto: Spieltroll

Dringend erwähnt werden muss auch noch, dass das Spiel über einen fantastischen Solomodus verfügt, der ein schönes Spiel auch alleine ermöglicht. Es gibt ein extra Spielertableau in schwarz für eine böse Königin/einen bösen König. Dieser „Bot“ wird über ein sehr ausgefeiltes Kartendeck gespielt. Man macht im Prinzip nichts anderes, als eine Karte für diesen Bot zu ziehen und die Anweisungen zu befolgen. Diese Anweisungen geben sehr detailiert vor, was der Bot in welcher Reihenfolge tut. Kann er eine Aktion nicht ausführen, die dort steht, weil ein anderer sie blockiert, so wird die nächste Aktion in der Reihenfolge ausgeführt. Sehr clever, einfach und funktioniert super. Der schwarze Spieler blockiert in diesem Fall ab und zu Felder, nimmt Arbeiter gefangen, leert das Steuersäckel, so dass man tatsächlich eine Runde mit einem Gegenspieler simulieren kann und weil das eben so gut funktioniert, kann man ihn auch im Spiel zu zweit oder dritt als zusätzlichen Konkurrenten gut einbauen.

Das Fazit

Shem Phillips, seines Zeichens der Autor von „Räuber der Nordsee“, mit dem ich persönlich nie richtig warm werden konnte, hat ihr ein kleines Meisterwerk geschaffen. Ich hätte nicht gedacht, das man den simplen Worker-Placement-Mechanismus noch so elegant in ein Spiel einbauen könnte. Das Spiel ist ohne Frage komplex und hat eine taktische Tiefe, die aber von der Einfachheit des Mechanismus kaschiert wird. Das klingt komisch? Ja, geb ich zu, aber ich behaupte, dass man dieses Spiel auch mit Leuten gut spielen kann, die sonst vor komplexeren Spielen zurückschrecken, weil es sich so einfach und schnell spielen lässt. Die Downtime ist so dermaßen gering, man macht ja wirklich nicht viel in seinem Zug, man setzt einen Arbeiter und führt den Zug aus. Fertig! Nächster bitte! Die Arbeiter als Multiplikatoren einzusetzen ist eine großartige Idee und sie dann noch durch andere Spieler quasi in Geiselhaft nehmen zu können. Grandios. Klappt hervorragend. Das Tugendsystem bringt genau die richtige Würze ins Spiel, so dass sich manche Spieler für den einen, oder den anderen Weg entscheiden, oder sie gehen mal in die eine Richtung, um die Vorteile zu nutzen und marschieren zum Ende in die andere Richtung, um noch Punkte zu bekommen. Die Spieldauer ist ebenfalls sehr gut gewählt. Das Spiel dauert deutlich kürzer, als man nach dem Aufbauen erwarten würde.

Tolles Material, tolle, sehr kleine Verpackung. Ich bin begeistert, das einzige was irgendwie dämlich ist, ist dieser bescheuerte lange Titel: Die Architekten des Westfrankenreichs, scheußlich aber zu verschmerzen.


  • Verlag: Schwerkraft Verlag
  • Autor(en): Shem Phillips
  • Erscheinungsjahr: 2018
  • Spieleranzahl: 1 – 5
  • Dauer: 45 Minuten

4 Gedanken zu „Architekten des Westfrankenreichs“

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