SPIEL.digital – Richtungsweisend oder überflüssig?

In der letzten Woche vom 22. bis 25. Oktober fand die SPIEL.digital statt. Die Online-Version der größten Brettspielmesse der Welt die ansonsten jedes Jahr im Oktober in den Messehallen Essen zu Hause ist und ein riesiges Event für die Brettspielszene weltweit darstellt. Seit Jahren stellt sie Besucherrekorde auf und beweist der Welt, das analoge Brettspiele ein durchaus nicht zu vernachlässigendes Medium sind. Dieses Jahr ist leider alles anders. Die anhaltende Coronapandemie zwingt auch hier den Messeveranstalter (Merz-Verlag) recht früh dazu umzudenken. Eine digitale Messe soll entstehen und der Verlag bemüht sich in kürzester Zeit eine Infrastruktur aus dem Boden zu stampfen, um den Spielern weltweit und sich selbst gerecht zu werden. Nun ist die Messe vorbei und aller Orten wird ein Fazit gezogen. Ich habe auch meine Erfahrungen mit der Messe gesammelt und möchte in diesem kleinen Artikel meinen Kommentar dazu abgeben. Eines muss ich aber vorweg sagen, an meinem Ersteindruck, der ziemlich gespalten war, halte ich fest, aber lest selbst…

Im Juli hatte ich darüber berichtet, was der Merz-Verlag da so alles plant und ich fand das ehrlich gesagt alles schonmal ganz spannend, obwohl ich natürlich auch einige Bedenken hatte. Insgesamt machte es aber einen deutlich durchdachteren Eindruck als so manche der anderen Online-Conventions, die es da draußen so gab. Für diejenigen von euch, die die Messe nicht besucht haben, habe ich ein paar Screenshots gemacht und erkläre mal, wie man sich da durchfinden konnte und was ich ganz gut fand, und wo ich Verbesserungspotential sehe.

SPIEL.digital – Themenwelten

Die Themenwelten sind mehr oder weniger der zentrale Anlaufpunkt und generell finde ich die grafische Oberfläche zur Navigation, sowie die thematische Unterteilung in verschiedene Bereiche erstmal ganz gut. Man klickt auf ein Themengebiet, wie zum Beispiel den Kennerspielbereich und kommt dann unmittelbar in ein neues Bild:

SPIEL.digital – Kennerspielbereich

Dieses Bild ziegt einen Ausschnitt des Kennerspielbereichs. Jeder der Waben steht dabei für einen Aussteller, eine Firma, einen Verlag. Je nachdem wie klein oder groß der Verlag ist, oder sich darstellen wollte, wird das auch in der Größe der Wabe dargestellt. Wie man auf dem Bild sieht, ist das nur ein Teil der gesamten Aussteller. Jede der Waben ist anklickbar und führt uns dann sozusagen an den Stand des Ausstellers. Bis hierhin finde ich das noch durchaus in Ordnung. Auch auf einer analogen Messe wie der SPIEL gibt es so wahnsinnig viele Aussteller, dass man sich erstmal zurecht finden muss. Dafür gibt es ja auch Hallenpläne und so weiter. Hier könnte man nur an der Sichtbarkeit der Namen ein wenig arbeiten, denn manch langer Name auf einer kleinen Wabe war schwer zu lesen und musste erst herangezoomt werden. Aber wie gesagt, bis hierhin alles okay. Jede Wabe soll also für einen Aussteller stehen, der irgendwas mit Kennerspielen zu tun hat. Schaut man sich dann die anderen Bereiche an, so scheint das auch zu stimmen. Richtig toll wäre es aber, wenn man dann auf den Seiten der Aussteller auch nur das angezeigt bekäme, für das man sich durch die Vorauswahl der Themenwelt bereits entschieden hätte. Also wenn ich auf den Stand von Pegasus gehe, bekomme ich nur alle Kennerspiele angezeigt. Das wäre richtig dufte, denn sonst kann man sich die Themenwelten eigentlich sparen. Man bekommt aber leider dann immer das gesamte Programm angezeigt und das wäre für mich erst der nächste Schritt, nachdem ich mir die Kennersachen angeschaut habe, bekomme ich die Möglichkeit mir das restliche Programm anzuschauen. Technisch sollte das machbar sein und würde für mich eine erhebliche Verbesserung der Navigation ausmachen.

SPIEL.digital – Pegasus Booth

Das Bild zeigt den Stand von Pegasus, ich bleibe einfach mal bei dem Beispiel, weil Pegasus für mich zu den deutlich besten Ausstellern gehörte. Warum, erkläre ich weiter unten. Hier konnte man sich nun links weiter durch die Neuheiten klicken und weiter unten gab es dann Zugang zu virtuellen Spieltischen auf Boardgame Arena und Tabletopia, wenn vorhanden. Zusätzlich gab es noch jede Menge Material in Form von kleinen Filmchen etc. All das konnte man sich hier zu Gemüte führen. Rechts gab es die Möglichkeit sich auf einen Discord-Server zu verbinden und mit Mitarbeitern von Pegasus und anderen Besuchern in Kontakt zu treten. Darunter gab es eine sich anpassende Eventliste, auf der man sehen konnte was alles gerde live läuft und was noch kommen wird. Klickt man links auf ein Spiel, so verändert sich die Liste und zeigt nur die zum Spiel relevanten Events an.

SPIEL.digital – MicroMacro

Hier sieht man mal den unteren Bereich mit den Spieltischen und weiteren Infos, wenn man auf ein Spiel geklickt hat. In diesem Fall an MicroMacro gezeigt.

Dieser ganze Bereich des Aussteller-Standes ist wie bei einer richtigen Messe der zentrale Bereich, wo sich das meiste abspielt und hier kommt es, ebenfalls wie bei einer analogen Messe sehr darauf an, was der Aussteller anbietet. Diejenigen von euch, die schon in Essen waren, kennen das ja bestimmt. Da gibt es diese Aussteller an dessen Ständen man kaum vorbeikommt, weil jede Menge Aktionen geboten werden und einfach viel interessantes Zeug passiert und dann gibt es da diese kleinen Stände die traurig in der Ecke stehen und die nur darauf warten das irgendwer vorbei kommt und etwas von ihnen kaufen will. Die haben es auf der analogen Messe denke ich noch leichter, weil man an ihnen vorbei muss und die Blicke schweifen lässt und per Zufall, wenn man was interessantes sieht mal stehen bleibt. Das ist aber hier nicht der Fall, weil man aktiv auf Dinge klicken muss. Und davon gab es bei dieser digitalen SPIEL viel zu viele. Da klickte man auf Stände und hat gerade mal alle Neuheiten präsentiert bekommen und alles was man sah war ein Packshot oder Cover eines Spiels. Nochmal draufgeklickt und ein paar geschriebene Infos. Manchmal nichteinmal das. Soetwas braucht wirklich niemand, denn dann kann man gleich auf die Homepages der Verlage klicken und bekommt meistens mehr Infos. Das ist aber eindeutig ein Fehler der Verlage und da komm ich zu meinem Hauptkritikpunkt an der SPIEL.digital.

Ich finde es tatsächlich schade, das viele Verlage diese Chance nicht genutzt haben. Natürlich muss man hierfür selbst akitv werden und sich Dinge überlegen und gegebenenfalls auch produzieren. Aber bei einer Messe geht es nunmal darum, sich über Neuheiten zu informieren, sie sich erklären zu lassen und eventuell auszuprobieren. Wenn ein Verlag es nun aber nichteinmal schafft ein paar Bilder vom Spielmaterial seines Spiels abzubilden und in irgendeiner Form erklärende Worte darüber zu präsentieren, dann ist das traurig. Hier wurde einfach viel verschenkt. Manche Verlage mussten das evtl. auch gar nicht selbst erledigen, weil sie sich Blogger und Influencer mit ins Boot geholt haben, die ihnen den Content frei Haus liefern. Allerdings sind das Inhalte für die man diese spezielle Plattform nicht braucht, weil man sie schon lange vorher irgendwo anders im Netz begutachten konnte. Ich denke hier ist noch Luft nach oben und sollte das in Zukunft zu einem zweiten Standbein der Messe werden oder sollte die Messe gezwungen sein, das nochmal so zu machen, was ja durchaus möglich sein kann, dann wird das im nächsten Jahr deutlich besser aussehen, weil alle gelernt haben.

SPIEL.digital – The Op USapoly

Schlechtes Beispiel für dieses Verfahren waren für mich zum Beispiel The Op/ USapoly. Harry Potter Hogwarts Battle bekommt eine zweite Erweiterung und hier hätte ich mich zum Beispiel über weitere Infos gefreut oder über einfach irgendwas. Nicht einmal das Video zur Erweiterung von ihrer Homepage hat es auf die Seite geschafft. Hervorheben möchte ich Pegasus als positives Beispiel, die sich hier glaube ich einen abgebrochen haben, um hier wirklich zu liefern. An ihrem Stand gab es Gewinnspiele, jede Menge Informationen, die Möglichkeit Spiele auszuprobieren und sich virtuell erklären zu lassen. Wenn man sich hier in den Discordchannel eingeloggt hat, dann wurden einem Fragen beantwortet und wirklich einiges gegeben. Hier hat man deutlich gemerkt, dass sie wollten. Daumen hoch dafür.

Kommen wir zum Thema Tabletopia/Boardgamearena. Ich bin absolut kein Fan dieser Plattformen, habe sie beide schon ausprobiert, aber ich finde sie eher frustrierend als nützlich. Meist sind sie nicht intuitiv genug um ein gutes Gefühl zu vermitteln. In diesem Bereich kann die SPIEL.digital einfach absolut nicht mit der analogen Messe mithalten. Zumindest für mich nicht. Das mögen andere anders sehen, aber für mich bleibt dieser Bereich eher unerschlossen.

Ein weiteres großes Thema der Messe, zumindest der analogen Version ist das Shoppen, das Schnäppchen machen, das Promos abgreifen und das gestaltet sich ebenfalls ein wenig schwierig. Insgesamt muss man dieses Jahr sagen, dass sich der Markt der Neuveröffentlichungen gehörig entzehrt hat. Viele Verlage haben doch bereits im Vorfeld schon die ein oder andere Neuheit veröffentlicht, etwas, das sonst gern och auf die Messe Tage gelegt wurde. Was aber dieses Jahr auffällt ist das ziemlich viele der angekündigten Neuerscheinungen nicht verfügbar sind. Man kann sie meistens nur vorbestellen mit Lieferdaten bis in den Dezember hinein. Wahrscheinlich der Coronasituation geschuldet, aber einfach sehr unbefriedigend. Das ist einfach nicht das gleiche. Hinzu kommt das man vorher halt wirklich mal das ein oder andere Schnäppchen machen konnte. Das ist nur bei eingen großen Händlern wie Pegasus und Kosmos machbar, bei anderen sieht es ganz oft so aus, das ein Spiel mit Messerabatt angeboten wird, der aber durch die Lieferkosten mehr als aufgefressen wird. Nehmen wir zum Beispiel das sehr beliebte Spiel Fantastische Reiche, das mit Rabat für ca. 17 Euro angeboten wurde. Immerhin drei Euro günstiger als normal. Fünf Euro Porto oben drauf und schon kein schnäppchen mehr. Jetzt mag man argumentieren, dass man halt nicht vor Ort ist und man sich das direkt noch Hause liefern lassen kann, aber macht man das hier und da, dann läppert sich das ganz schön und man lässt es halt bleiben. Das betrifft die ausländischen Publisher noch viel mehr. Man wurde auf irgendwelche Shops umgleitet bei denen man zum Teil horende Portosummen bezahlen musste. Hier ist noch jede Menge Optimierungspotential vorhanden, aber das A und O sollte erstmal sein, das man die Spiele auch bekommen kann. Wenn ich mir überlege, was manche Verlage für Stunts hingelegt haben, um zum Teil ihre Spiele noch rechtzeitig zur Messe zu karren.

Allerdings kann ich auch keine Lösung anbieten, denke aber das man hier vielleicht von Händlerseite her Vertriebsmöglichkeiten für ausländische Verlage anbieten könnte, die den Versand für diesse übernehmen und im Vorfeld mit der Ware versorgt werden. Keine Ahnung, ob sich sowas für die großen Märkte in Amerika, Europa und Asien realisieren lassen würde. Mit promos sehe ich das ähnlich. Ich denke das man schon welche bekommen wird, wenn man bei einem Händler ein entsprechendes Spiel bestellt hat oder an einem Gewinnspiel teilgenommen hat, wenn es eines gab, aber ansonsten war auch das ziemlich mau.

Was man so gehört hat, sah es für die Contentcreator etwas besser aus, die von den Verlagen ja ohnehin versorgt werden. Gut für sie, aber nichts für die vielen privaten Besucher. Wo wir gerade bei den ganzen Bloggern und Co sind, die haben sich zum Teil richtig ins Zeug gelegt und versucht eine Menge Rahmenprogramm beizusteuern. Um hier den Überblick nicht zu verlieren konnte man das alles im Media Hub auffinden. Im Vorfeld hätte ich tatsächlich nicht gedacht, dass es soviel Inhalt geben wird und das empfand ich tatsächlich als fast zuviel um sich da durchzuklicken. Hier fand ich es einfacher auf den Seiten der entsprechenden Leute selbst nachzuschauen. Man hat ja wahrscheinlich eh vorlieben, wen man da schaut und wen eher nicht. Hier fände ich eine Begrenzung auf ein paar offizielle Partner für die verschiedenen Sprachen ganz gut aber das dient nur der Übersichtlichkeit. Generell Hut ab für all den Content der da produziert wurde. Das zeigt deutlich, wieviele Leute sich mit dem Hobby beschäftigen.

SPIEL.digital – Media Hub

Als letztes noch ein wirklich negativer Punkt und der hat wirklich nur mit der Technik zu tun und betrifft die Neuheitenliste. Man hat die Möglichkeit ein Herzchen, also quasi ein Like zu setzen und darüber hinaus ein Sternchen um es auf eine Merkliste zu setzen, was aber nur funktioniert und gemerkt wird, wenn man sich auf der Seite angemeldet hat. Klickt man innerhalb dieser Liste aber auf ein Spiel um nähere Informationen zu bekommen und kehrt anschließend wieder zurück, so ist die Liste neu sortiert und man kann wieder von neuem von oben anfangen. Das ist irgendwie sinnbefreit und wahrscheinlich auch nicht wirklich gewollt. Kann ich mir zumindest nicht vorstellen.

SPIEL.digital – Spieleneuheiten

Richtungsweisend oder überflüssig, so die Überschrift und ich muss ganz klar sagen: weder noch… Der Merz-Verlag hat hier ganz viel auf den Weg gebracht und es ist klar das das auch noch nicht alles Gold ist, was da glänzt, aber der Weg scheint richtig und wenn man es mit anderen Cons oder Onlineveranstaltungen vergleicht, dann kann man wirlich nur den Hut ziehen, denn in der kürze der Zeit ist hier etwas entstanden, das durchaus gelungen ist. Der Start am Donnerstag war zwar holprig aber zu erwarten. Danach lief aber alles zu jeder Zeit, zu der ich eingeloggt war, absolut reibungslos ab. Technisch also (fast) alles gut. Im Übrigen können sich die Kollegen der Gamescom da gerne mal ein Scheibchen von abschneiden, denn gegenüber solcher Messen hat der Merz-Verlag hier ganz eindeutig die Nase vorn.

Von den Verlagen hätte ich mir unterdessen deutlich mehr gewünscht. Mehr Originalität und mehr Inhalt. Bessere Spielpräsentationen, einfach das was man auf einer Messe macht, sich darstellen. Auch der Verkauf von Spielen war nicht so berühmt und vor allem die Spiele sind nicht vorrätig gewesen oder zu einem Großteil noch gar nicht lieferbar. Schade, schade, aber all das liegt nun eindeutig erstmal nicht in der Hand vom Merz-Verlag sondern bei den Ausstellern. Der Merz-Verlag kann vielleicht durch ein Konzept eine Lösung anbieten, aber das wäre in der Kürze der Zeit wahrscheinlich wirklich nicht machbar gewesen.

Die Richtung stimmt also in meinen Augen ganz grob. Wenn man überhaubt eine Online-Messe braucht, und das ist vielleicht der Punkt den man diskutieren kann, dann empfinde ich das Format der SPIEL.digital als durchaus gelungen, aber mit noch sehr viel Luft nach oben. Ich gehe allerdings fest davon aus, dass der Merz-Verlag daran arbeiten wird das Konzept zu verbessern und auszuweiten und mit entsprechender Vorbereitungszeit Fortschritte machen wird. Gleiches gilt auch für die Verlage von denen ich aber bis auf ein paar Ausnahmen ausgenommen ein wenig enttäuscht bin und mir für die Zukunft wesentlich mehr erhoffe.

Wie seht ihr das denn? Habt ihr andere Erfahrungen gemacht? Hat es euch gar nicht gefallen oder fandet ihr es viel besser? Würde mich wirklich interessieren, also rein damit in die Kommentare…

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