#018 Blogbuch – Vampir

Heute geht es hier mal um etwas Besonderes. Eigentlich könnte ich das schon fast als Review bezeichnen, aber es ist etwas persönlicher und passt deshalb viel besser in diese Kategorie. Außerdem streifen Rollenspiele nur am Rande meinen Blog. Ich war zwar früher passionierter Rollenspieler, aber in den letzten fünfzehn Jahren ist das eher eingeschlafen. Pegasus Spiele haben erst kürzlich ein Solo-Rollenspiel, das schon etwas länger im englischsprachigen Raum für Furore sorgt übersetzt und hier zu Lande veröffentlicht. 2019 erschien Thousand Year Old Vampire und wurde zu einem kleinen Hit. Was ist ein Solo-Rollenspiel, werden sich vielleicht einige fragen und das lässt sich auch nicht immer ganz leicht beantworten, weil es viele verschiedene Ansätze gibt. Dieses hier wirft dich in ein Szenario und du denkst dir deine eigene Geschichte aus. Es gibt ein paar Regeln, aber die sind sehr überschaubar. Es hat mich sehr fasziniert, weswegen ich davon berichten muss.

Thousand Year Old Vampire

Ein Solo-Rollenspiel wirkt zunächst seltsam. Warum sollte ich mir selbst eine Geschichte erzählen, bei der ich in eine Rolle schlüpfe und jemand anderes verkörpere? Tue ich das nicht immer mal wieder im wirklichen Leben? Bin ich immer authentisch? Ich denke nicht. Was aber ist hier anders? Nun ja, der Buchtitel verrät es vielleicht schon. Dieses Spiel fordert dich dazu auf die Geschichte eines alten, unsterblichen Vampirs zu erleben. Das Buch selbst wirkt dabei, wenn es nicht so fabelhaft neu aussehen würde, als wäre es mehrere Jahrhunderte alt. Auf dem Titel finden sich jede Menge golden geprägte Linien, so dass es fast wie Kintsugi wirkt. Habt ihr ja vielleicht schon mal gehört. Etwas Altes reparieren mit goldenen Verbindungen; ist eine alte japanische Tradition. Möglicherweise schon eine Metapher für das was uns erwartet?

Tja, was erwartet uns genau? Ich habe mich aus einem anderen Grund erst kürzlich in die Geschichte des römischen Reichs in Britannien und dort speziell mit dem Hadrianswall auseinandergesetzt, so dass ich mir dachte, mein Vampir könnte ein römischer Legionär sein, der dort geboren wurde. Ihr könnt euch erstmal alles aussuchen. Wo und wann ihr spannend findet oder euch gut auskennt. So erschuf ich Atius Fluvius geboren in Londinium in der Nähe des großen Flusses im Jahre 323. Stationiert am Hadrianwall.

Zunächst lässt dich das Buch eine Liste von Eigenschaften und Merkmalen für deinen Charakter erstellen. Darunter drei Fähigkeiten, drei Besitztümer und Nebencharaktere. Auch dies kann wieder alles sein. Aber das Spiel fordert von dir daraus vier Erinnerungen zu formen. Dazu stellst du Verbindungen zwischen diesen Dingen her und schreibst sie auf. Auch hier wieder völlig frei. Schreib es auf Zettel mit nur wenigen Stichworten, schreib kleine Abschnitte in ein Buch oder tippe sie in den Computer. Ganz egal. Diese vier Erinnerungen sind die Frühphase deines Seins. Eine fünfte Erinnerung fehlt aber noch und diese erfordert die Erschaffung eines weiteren Charakters, so wie einer Eigenschaft. Dein Protagonist findet den Weg vom Leben zum Untod, denn du musst noch entscheiden, wie und von wem er zum Vampir gemacht worden ist. Außerdem entsteht dadurch ein Makel oder Mal, an dem zu erkennen ist, was du bist. Im Fall von Atius wurde er nach einer Schlacht schwer verwundet in einem Wald von der Schäferin Una, einem uralten Wesen, gefunden und erschaffen. Unterkühlt und blutleer kam Atius zurück in Unleben und seitdem ist seine Haut eiskalt, weswegen er Berührungen vermeidet.

Das Spiel beginnt erst jetzt, am Wendepunkt. Du hast einen Charakter erschaffen der aus Erinnerungen besteht. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch immer nicht was mich erwartet. Eine interaktive Geschichte, ein Soloabenteuer wie in den guten alten Zeiten, bei denen du dich Abschnitt für Abschnitt voran liest, oder ein Lückentext, dem ich durch meine Eintragungen eine persönliche Note verleihe? Nein, das alles nicht. Autor Tim Hutchings hält sich sehr zurück und überlässt den Spieler*innen die Bühne, was gut ist. Einzelne Abschnitte im Buch sind nur Hinweise, Richtlinien und manchmal nur Fragen, die dich dazu bringen darüber nachzudenken und tief in dir selbst zu graben, wie sich das mit der bisherigen Geschichte verbinden lässt. Rein mechanisch benutzt du zwei Würfel, einen zehn- und einen sechsseitigen. Du würfelst und ziehst den Sechser vom Zehner ab. Positive Werte führen dazu, das du so viele Abschnitte vorwärts springst und negative zurück. Auf jeder Seite ist ein dreigeteilter Abschnitt du liest nur den ersten. Solltest du irgendwann ein zweites oder drittes Mal auf die gleiche Seite kommen, so liest du die weiteren. Jeder Abschnitt fordert dich irgendwie auf deine Geschichte weiterzuspinnen. Einige Dinge passen sehr gut zu dem was du bisher aufgeschrieben haben wirst, andere erfordern dir viel mehr ab. Es erfordert keinen Roman, aber manchmal fand ich mich dabei wieder, fast eine ganze Seite zu schreiben.

Die Erinnerungen, die wir notieren existieren nicht isoliert, sondern in Gruppen. Je drei Erfahrungen können in einer Erinnerung existieren und brauchen einen Bezug der sie verbindet. Aber nicht nur das. Die Erinnerungen sind auf fünf begrenzt. Werden es zu viele, so musst du vergessen und welche auslöschen. Das gehört zu einem langen Leben, du kannst einfach nicht alles behalten. Manchmal darfst du Erinnerungen in ein Tagebuch schreiben, welches du dann als Gegenstand ebenfalls beschreiben musst und ab dort bei dir führst. Dieses Tagebuch kannst du aber wie jeden anderen Gegenstand auch verlieren. Aber zu vergessen ist nicht nur schlecht, denn es bietet dir auch kostbaren neuen Raum für neue Erinnerungen. So schafft es das Spiel emotionale Bindungen zu deinen Erinnerungen aufzubauen und irgendwann merkst du wie das alles ein Teil von dir wird. Das Spiel erwischt dich plötzlich hart und gibt dir Einblicke in dein Selbst. Der Vampir als Sinnbild ist perfekt gewählt. Thousand Year Old Vampire ist fast schon eine therapeutische Auseinandersetzung mit dem eigenen Alter und dem Verfall von Körper und Geist. Nicht nur das, denn du erforscht auch dunkelste Ecken deines Geistes, weil du Menschen wie Schlachtvieh behandelst, um dich im Unleben zu halten und begibst dich dabei auf dunkle Pfade.

Am Ende aber steht die Erlösung.

Ich ziehe meinen Hut vor Tim Hutchings, der ein kleines Meisterwerk mit diesem Buch geschaffen hat, welches mich seit geraumer Zeit nun schon nicht mehr loslässt und trotz seines zunächst übertrieben scheinenden Preises, für mich jeden Cent wert ist.

Wer noch Fragen hat, stelle sie bitte über die Kommentare.

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