Living Forest

Living Forest

Aufgepasst, hier kommt ein bemerkenswertes Spiel um die Ecke, das vielleicht noch für richtig viel Aufmerksamkeit sorgen könnte. Living Forest von Aske Christiansen ist ein Debüt. Der dänische Autor hat bislang noch kein Spiel veröffentlicht und mit Living Forest hat er bereits den As d’Or in Frankreich gewonnen (soetwas wie das Spiel des Jahres). Living Forest kam irgendwie gefühlt aus dem Nichts und immer mehr Menschen reden darüber. Ob zu Recht oder Unrecht, gilt es noch zu klären. Pegasus hat die deutsche Version herausgebracht und damit womöglich ein gutes Händchen bewiesen. Aber, was ist Living Forest eigentlich für ein Spiel? So richtig wusste ich im Vorfeld gar nichts darüber und habe es erstmal blind gekauft. Das mache ich eigentlich nicht oft und meine Quote dabei ist auch erstaunlich schlecht, so dass ich es lassen sollte. Living Forest aber ist, und soviel möchte ich schon einmal vorwegschicken, ein besonderes Spiel, dass mir recht gut gefallen hat. Der Familienspielesektor ist auf jeden Fall um ein neues Highlight reicher.

Worum geht es?

Ach ja, Brettspiele und ihre Themen… ein ganz eigenes Kapitel und fast immer sind sie austauschbar und manchmal sind sie sogar schrecklich an den Haaren herbeigezogen. In Living Forest, wer hätte es gedacht, gibt es einen Wald und in diesem, noch viel weniger verwunderlich, einen Baum. Dieser ist geweiht und wird von den Flammen des Onibi bedroht. Die Spieler*innen verkörpern die vier Naturgeister der Jahreszeiten und sollen dabei helfen den Wächter des Waldes Sanki zu erwecken. Ja nee, is‘ klar… Ich bezeichne das gerne mal als Bullshit Bingo. Was ist nur los mit euch… Der Baum spielt in Living Forest keine Rolle, ist tatsächlich nur als Startspieler*innenmarker enthalten. Sanki ist nur die abstrakte Form des Sieges, den wir durch unsere Aktionen zu erreichen suchen und wer zum Teufel ist eigentlich dieser Onibi? Ich sehe ein paar Brettspielgedanken, aber ich schweife ab…

Living Forest – Spielaufbau / Foto: Spieltroll

Wie läuft das ab?

Living Forest gibt sich redlich Mühe dabei usn beim Spielaufbau zu unterstützen. Es gibt zwar recht viel Material für so ein Familienspiel, aber das wirkt alles nur im ersten Moment nach wahnsinnig viel Komplexität. In der Schtel finden wir zwei Pappständer für Baumplättchen vor. In diesen bleiben die unterschiedlcihen Baumplättchen immer schön sortiert und sind vor allem schnell auf den Tisch gestellt und bieten eine übersichtliche Auslage. Dann gibt es da noch ein zentrales Spielfeld mit einem Felderrondell auf dem zum Spielstart unsere Spielfiguren stehen. Jede*r Spieler*in bekommt ein eigenes Tableau auf dem mit den Baumfeldern eine Auslage gebaut wird. Für manch komplette Reihe oder Spalte gibt es Boni zu erringen. Zusätzlich zum Tableau auf dem ein individueller Startbaum ausgelegt wird, bekommt jede*r noch ein Kartendeck das aus 14 Karten besteht, sowie drei unterschiedlichen Bonusplättchen auf denen die drei Siegbedingungen abgebildet sind. In der Mitte wird noch eine Kartenauslage gebildet. Es gibt drei verschieden teure Stufen von Karten und diese werden untereinander mit je vier offenausliegenden Karten repräsentiert. Ein weiteres kleines Tableau dient zur Ablage der kreuzförmigen Magiemarker und für die Strafkarten der Feuerwarane.

Living Forest – Baumbänkchen / Foto: Spieltroll

Living Forest funktioniert dann wie folgt. Im Kern ist es einen Rennen um den Sieg und dieser kann auf drei unterschiedlichen Wegen erreicht werden. Entweder lösche ich zwölf Flammen, ich besitze zwölf unterschiedliche Bäume oder aber ich nenne zwölf Lotusblüten mein eigen. Als Mechanismus dient die bekannte Push Your Luck Mechanik aus Mystic Vale. Von unseren 14 Karten, auf denen geisterhafte Tiere des Waldes abgebildet sind, decken wir solange Karten auf, bis wir zwei schwarze Symbole sehen. Ich darf aber weitere aufdecken. Vorbei ist es erst, wenn ein drittes schwarzes Symbol erscheint und die Konsequenz daraus erinner ein wenig an Die Quacksalber von Quedlinburg. Wer nicht überreizt, bekommt zwei Aktionen zugesprochen, wer drei schwarze Symbole sieht nur eine. Diese Aktionen sind durch weitere Symbole auf den Karten unterschiedlich stark, was uns natürlich dazu bewegen soll weitere Karten umzudrehen. Sonnensymbole lassen uns weitere Tierkarten kaufen, die im wesentlichen viel toller sind als meine Startkarten. Das Symbol eines Setzlings und seinn Punktewert dient dazu weitere Baumplättchen für mein Tableau aus der Auslage zu kaufen. Diese bringen mir permanente Vorteile, wie zum Beispiel zusätzliche Sonnensymbole etc., die ich jede Runde einfach benutzen kann. Einige bringen auch Lotusblüten ein, die allein ja schon eine Siegbedingung darstellen. Dann gibt es auch noch Wassersymbole die zum löschen der Feuer dienen, wenn es welche gibt, denn diese kommen nur ins Spiel, wenn denn neue Karten gekauft wurden und sind je nach Kartenstärke ebenfalls verschieden stark. Zu guter letzt gibt es auch noch Bewegungspunkte mit denen die eigene Figur auf dem Rundkurs vorangesetzt werden kann. Auch auf diesem gibt es Felder mit Boni, die ich erhalte, wenn ich meinen Zug darauf beende. Ein weiterer Vorteil besteht im Überspringen von gegnerischen Figuren. Sollte mir das gelingen, so darf ich mir eines ihrer Bonusplättchen nehmen und die sind durchaus wichtig für die Siegbedingungen. Erhöhen sie doch mein Konto in einer bestimmten Kategorie und senken das eines Mitspielers. Denn diese Siegpunkte sind mobil und können hin und her wandern.

Living Forest – Bonusplättchen / Foto: Spieltroll

Die Siegbedingungen an sich sind sehr interaktiv und schwankend. Feuer und Bäume steigen in der Regel im Verlauf einer Partie nur an, es sei denn mir wird ein Bonusplättchen abgejagt. Bei den Lotusblüten sieht das ein wenig anders aus, denn diese müssen sich in meiner Auslage befinden und das umfasst sowohl meine Bäume auf dem Tableau, als auch meine Tierkarten und hier kann die Anzahl stark schwanken, je nachdem, was gerade aufgedeckt ist.

Living Forest – Kartenaufdecken bis zwei dunkle Symbole auftauchen / Foto:Spieltroll

Das Spielprinzip ist also recht simpel. Es werden solange Karten aufgedeckt, bis ich entweder zufrieden bin undn zwei Aktionen machen darf, oder aber überreize und nur eine Aktion abwickeln kann. Dann schaue ich was ich in dieser Runde am sinnvollsten tun kann, Karten oder Bäume kaufen, Feuer löschen, Figur bewegen und dann fertig. Nächste Runde wieder von vorn, bis irgendwer in einer der drei Kategorien genug Punkte aufweist.

Living Forest – Symbole für mögliche Aktionen / Foto: Spieltroll

Zum Feuer muss ich noch sagen, dass es nicht nur von uns selbst durch den Kauf von Karten ins Spiel kommt. Zusätzlich ist es auch noch am Rundenende gefährlich, denn wer sich nicht angemessen an der Löschung der Feuer beteiligt hat (diejenigen mit den wenigsten Wasserpunkten), sollten noch welche im Spiel sein, werden mit einer Feuerwarankarte bestraft, die fortan im Deck schlummert und ein zusätzliches schwarzes Symbol mitbringt, also beim Aufdecken der Karten gehörig nervt.

Living Forest – Feuer im Wald / Foto: Spieltroll

Das Fazit

Ich empfinde Living Forest als ein außerordentlich interessantes Familienspiel, das auf Dinge zurückgreift, die in den letzten Jahren durchaus für einige Erfolge verantwortlich waren. Push Your Luck ist eine äußerst massenkompatible Mechanik. Für mich gehört Glück im Bereich der Familienspiele einfach auch zu einer guten Spielerfahrung dazu. Gerade in diesem Bereich geht es nicht um Optimierung des Möglichen, sondern um eine gute Erfahrung beim Spielen. Da gehört sich ärgern und Freude einfach dazu. Living Forest bietet da viele Momente. Außerdem ist es wirklich leicht zu erlernen, bietet aber durch die vielen möglichen Strategien einiges an Spieltiefe und Spielraum sich auszuprobieren.

Living Forest – Kartenauslage / Foto: Spieltroll

Am Anfang kommt es einem erstmal sinnig vor weitere und bessere Karten zu kaufen, um die Aktionen zu verbessern. Das führt in der Summe zu vielen Feuern und schnell kann der Eindruck entstehen, das Feuerlöschen ist die einfachste und effektivste Strategie, weil die immer da sind und sie schnell angesammelt werden können. Dem ist aber nicht so, vielmehr ist alles so miteinander verwoben, wie in einem echten Wald, denn hier herrscht viel Interaktion zwischen den Spieler*innen, auch wenn einem das zunächst nicht unbedingt bewusst ist, da doch viel auf das eigene Tableau gebaut wird und die Spieler*innen auch parallel ihre Karten umdrehen. Ständig muss hier aber auf alle Auslagen der Gegner geachtet werden. Das hat vor allem Einfluss auf die Siegebdingungen. Wenn irgendwer zu sehr in eine Richtung pusht, führt das bei den anderen zu Gegenmaßnahmen. Das Spiel reguliert sich quasi selbst. Kaufen wir viele Karten, gibt es viel Feuer. Das muss gelöscht werden, weil sonst Strafen drohen, also sind wir damit beschäftigt das Feuer zu löschen und können so keine Karten mehr Kaufen. Ist das Feuer weg, gibt es keine weitere Möglichkeit diese Bedingung zu erreichen. Das ganze System ist sehr ausgewogen und lässt sich auch für Spielchen benutzen. Gerade das Feuer nimmt da eine spezielle Rolle ein, da, sollte jemand genug Wasserpunkte haben und sich nicht zum Löschen entscheiden, hier einfach auch mal abgewartet werden kann, um die Mitspieler*innen so unter Druck zu setzen, weil die Feuerwarane dann doch ziemlich störend sein können.

Ihr seht also, mir gefällt das ziemlich gut. Living Forest ist toll verzahnt und dennoch simpel. Die Partien laufen von sich aus jedes Mal anders ab und das hängt an den ganzen Variablen durch die Kartenauslage, den Zufall des Aufdecken und den daraus resultierenenden Aktionen, die immer auch Reaktionen auslösen. Der Glücksfaktor wird hier zur Triebfeder und zum entscheidenen Element. Ich würde sogar soweit gehen und behaupten das Living Forest diesen Glücksfaktor braucht um so gut zu sein, wie es ist. Das Zocken gehört dazu und Living Forest ist bei all dem kein langdauerndes Spiel, so dass eigentlich immer zwei bis drei Partien in Folge gespielt werden.

Living Forest – Baumtableau / Foto: Spieltroll

Natürlich gibt es auch hier ein paar Haare in der Suppe. Zum einen stört mich die Optik des Spiels, die ich einfach häßlich finde. Es wirkt auf mich irgendwie zu künstlich und aus irgendeinem Grund wie ein Kinderspiel. Die Naturgeister auf dem Cover erinnern mich dabei an zu bunte Pöppel die durch die Luft fliegen. Die Darstellungen der Tiere mit ihren weißen Augen wirkt auch irgendwie gruselig (meine Tochter würde wohl creepy sagen). Die Bäume wiederum zu künstlich tuffig. Eine seltsame Mischung. Spielerisch habe ich aber nur am Spielertableau etwas auszusetzen. Gar nicht so sehr etwas Generelles, aber durch die aufgedruckten Boni entsteht beim Legeelement ein wenig zuviel Langeweile. Hier bleibt im Gegensatz zum Rest des Spiels alles in jeder Partie gleich und so stellen sich schnell die gleichen Vorgehensweisen in jeder Partie ein. Hier hätte ich ein bißchen Varianz ebenfalls gut gefunden.

Auch hier liegen wir also im momentan anhaltenden Trend „alles in den Mixer schmeißen und neu kombinieren“ wieder voll auf der Linie und es kommt etwas wirklich Vorzeigbares dabei raus, das mir sehr gefällt. Riskiert gerne mal einen Blick, es könnte sich Lohnen.


  • Verlag: Pegasus Spiele
  • Autor(en): Aske Christiansen
  • Illustrator(en): Apolline Etienne
  • Erscheinungsjahr: 2022
  • Spieleranzahl: 1 – 4 Spieler
  • Dauer: 30 – 40 Minuten

3 Gedanken zu „Living Forest“

  1. Herrje! Ich habe mir das Spiel gekauft und bin aber noch nicht zum Spielen gekommen. Und jetzt muss ich erfahren, es ist wie die Quacksalber?! Hurra. Da bin ich ja gespannt, ob ich es hier auch schaffe, entgegen jeder Wahrscheinlichkeit irgendwas zum Explodieren zu bringen
    Ich sag nur, von 16 Zutaten im Beutel darf nur eine nicht gezogen werden…ein überschaubares Risiko, möchte man meinen. *kawumms*

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