Spieleabend #25 – Kapitalismus und Blut

Voll der Stress. Meine Frau hatte sich dazu bereiterklärt ihre sensationelle Bolognese für unsere Spielerunde zu kochen und der Tag war auch ansonsten schon vollgepackt genug. Wir wollten uns wie immer bei unserer Arbeitskollegin treffen und wir mussten noch durch die ganze Stadt gurken. Vor dem Sommer und der Urlaubszeit schien das der letzte mögliche Termin zu sein, an dem wir eine Spielerunde mit den Kollegen veranstalten konnten. Eine andere Kollegin lieh uns im Vorfeld für den Tag auch noch ihr Top Ten, dass wir unbedingt ausprobieren sollten, wozu, soviel sei vorweggeschickt es aber an diesem Abend, oder vielleicht sollte ich besser sagen, in dieser Nacht, denn der gesamte Spieleteil verzögerte sich erheblich.

Um halb sieben sollte es losgehen und wir waren auch pünktlich vor Ort. Zum ersten Mal übrigens zeitgleich mit Sohnemann, den wir schon vor der Eingangstür trafen. Es sollte direkt losgehen. Die nudeln waren gekocht, die Bolo wurde warm gemacht und wir setzten uns auf den vorbereiteten Balkon, um zu speisen und was das Zeug hielt zu klönen. Das ein oder andere, zum Teil alkoholische Kaltgetränk wurde dazu gereicht und die Zeit verging wie im Flug. Um kurz vor acht wechselten wir dann in die Wohnung, um uns an den ebenfalls vorbereiteten Spieltisch zu setzen. Der Raum war schön kühl, denn an diesem Tag waren die Außentemperaturen relativ hoch. Wir spielten aber nicht sofort los, denn auch hier wurden noch Getränke geleert und erneut aufgefüllt und das ein oder andere Arbeitsthema im Gespräch aufgegriffen.

Bevor wir überhaupt in die Nähe zu einem Spielchen kamen, war es bereits kurz vor neun Uhr. Die Spieletasche war zwar prall gefüllt, aber es war uns bereits jetzt klar, dass wir nicht mal ansatzweise alles davon heute spielen würden. Mit von der Partie waren neben dem schon erwähnten Top Ten, Abrakadabrien von Marc-Uwe Kling, Furnace und die drei großen Spiele Living Forest, Libertalia – Winds of Galecrest und das neue Spiel von Richard Garfield, The Hunger. Wir stiegen trotz der späten Zeit mit einem recht simplen Spiel ein: Furnace.

Furnace

Warum das Spiel beim Spiel des Jahres keinerlei Berücksichtigung fand ist mir ein Rätsel. Okay das Thema ist absolut nicht sexy, aber das Spiel ist aller erste Sahne. Im letzten Jahr konnte es sich trotz so vieler anderer guter Spiele relativ einfach an die Spitze meiner Jahres Top Ten setzen. Die Kollegen waren sehr gespannt und zeigten sich überrascht von dem simplen Spielprinzip. Wenig überraschend spielten wir erstmal die ganz rudimentäre Version, ohne Spezialfähigkeiten und ohne die fortgeschrittene Variante mit der festgesetzen Reihenfolge. Sohnemann war sehr begeistert von dem Spiel, er konnte es auch sicher für sich entscheiden und fragte sofort nach der fortgeschrittenen Variante, die ich kurz erklärte. Wir entschieden uns aber gemeinsam gegen eine zweite Runde, da es ja schon so spät war und die beiden noch ein paar andere Spiele kennenlernen wollten. Furnace war aber ein voller Erfolg und zeigte durch seinen wirklich sehr simplen Einstieg hier sein Potenzial als druchaus solides Gatewayspiel, dass auch Vielspieler*innen begeistert.

Libertalia: Winds of Galecrest

Als zweites Spiel kam die Neufassung von Libertalia auf den Plan. Das alte Spiel besaß ich nie und habe es auch nie gespielt. Umso gespannter war ich auf eine Partie mit vier Spieler*innen. Wir hatten es zwar schon zu dritt gespielt, aber das Spiel blüht mit mehr Spieler*innen einfach auf. Okay, die erste Reise ist mit vielen Spieler*innen eher langweilig. Aber ab Reise zwei wird es deutlich besser. Libertalia ist ein sehr interaktives Spiel, da die Fähigkeiten der einzelnen Karten direkt mit denen der anderen interagieren und so entstehen viele spannende Situationen am Spieltisch. Die beiden Kollegen nahmen die kurzen Erläuterrungen über die Regeln hin, denn bei Libertalia gibt es gar nicht so wahnsinnig viel zu erklären. Sohnemann schien es sofort verstanden zu haben, musste sich aber erstmal eine Brille besorgen, weil die Texte auf den Karten sehr klein geschrieben sind. Bei unserer Kollegin lief aber vom Verständnis mal so gar nichts. Keine Ahnung. Totaler Blackout des Oberstübchens. Das Spiel ist wirklich nicht schwierig und generiert seine Komplexität nur aus den Fähigkeiten der Charaktere und wann ich sie am besten ausspiele. Aber schon da begann es zu haken. Die neue Version macht es einen zwar schon auf dem Spielbrett durch eine schöne und klare Ikonographie einfach, aber sie stand einfach auf dem Schlauch und spielte im Blindflug erstmal mit. Irgendwannzu Beginn von Reise drei machte es anscheinend Klick und sie verstand plötzlich was da auf dem Spielfeld abging. Vorher hatten wir uns aber tatsächlich den Mund schon fusselig geredet und mit wahnsinnig vielen Beispielen erklärt wie es funktioniert. Sohnemann hatte sichtlich Spaß und meine Frau zog uns alle aber mal so richtig ab. Am Ende reichte die Schatztruhe als Punktezähler einfach nicht aus und sie machte während der zweiten Reise alleine über 60 Dublonen. Keine Ahnung wie sie das gemacht hat, ich habe immer verscuht sie aufzuhalten.

Nach Libertalia haderte unsere Gastgeberin den ganzen restlichen Abend mit ihrer „Dummheit“ bei dem Spiel, das sie ja gar nicht schlecht fand, aber einfach überhaupt nicht verstand. Beim dritten und letzten Spiel des Abends sollte aber ihre große Stunde noch kommen.

Wir begannen um kurz vor halb zwölf damit The Hunger aufzubauen und zu erklären. Meine Frau war nach einer Testpartie ziemlich begeistert von dem Spiel und schwärmte schon auf der Arbeit von dem Spiel, so dass unsere Kollegin das auch unbedingt spielen wollte. Um die Uhrzeit doch tatsächlich noch eine Herausforderung, obwohl The Hunger auch gar nicht so schwierig ist, nur über jede Menge kleine Detailregeln verfügt, die gerne untergehen und vergessen werden. Außerdem spielt The Hunger ein bißchen mit den Erwartungen der Spieler*innen von einem Dungeonbuilder und das könnte lustig werden. Wurde es auch.

The Hunger

Wir spielten auch hier die Einstiegsvariante für Neuvampire, da diese ein wenig gnädiger zu den Spieler*innen ist. In unserer ersten Testpartie hatten meine Frau und ich gleich die B-Seite des Spielplans ausprobiert und schieden beide gnadenlos aus dem Spiel aus. Von daher sollte es für die anderen erstmal die leichte Variante sein. Das Spiel ist brandneu und fürdiejenigen, die es nicht kennen, sei kurz erwähnt um was es geht. In The Hunger spielen wir Vampire, die in einer Nacht aus ihrem Schloß ausbrechen, um unter der Bevölkerung ihres Landstrichs auf die Jagd zu gehen. Dabei handelt es sich um ein Rennen gegen die Uhr. Im Prinzip müssen wir soviele Menschen im Form von Punkten jagen, das wir gewinnen. Wir können aber nur gewinnen, wenn wir rechtzeitig ins Schloss zurückkehren bevor die Sonne aufgeht (oder in der leichteren Variante in die Nähe des Schloss´). Der Clou dabei ist aber, das The Hunger ein Deckbuilder ist, bei dem wir uns das Deck durch die Menschen nach und nach schlechter machen und es schwieriger wird abzuschätzen, ob wir es zurückschaffen. Wirklich interessante Mechanismen, aber ein wenig kleinteilige Regeln. Die Erklärung dauerte ein wenig, stellte sich aber auch nicht als sonderlich schwierig heraus. Grundsätzlich lässt sich The Hunger mit bis zu sechs Spieler*innen spielen, aber das kann ich nach den Erfahrungen zu viert kaum empfehlen, denn die Downtime ist doch recht hoch, da alle ihre Züge nacheinander absolvieren müssen. Das Spiel an sich ist aber wirklich ganz lustig und hat sogar ein paar interaktive Elemente. Wir hatten Spaß, nur für Sohnemann lief es nicht so richtig gut und das Spiel war ihm dann ein wenig zu zäh. Seine Mutter fand das Spiel aber richtig gut und wunderte sich im nachhinein noch mehr darüber, warum sie das viel leichtere Libertalia erst so spät kapierte.

Die Partie zog sich mit Erklärung fast zwei Stunden hin, so dass es schon nach zwei war, als wir den Abend beendeten. Leider haben wir nicht ganz soviel gespielt wie erhofft, aber es ist immer wieder schön sich auf einen solchen Abend zu treffen.

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