Cozy Stickerville – Klebrige Langeweile oder spielerische Entspannung?

Cozy Stickerville

Corey Konieczka und sein inzwischen gar nicht mehr so neuer Verlag Unexpected Games hatten sich ja zur Aufgabe gemacht den Brettspielmarkt durch neue Ansätze und eben unerwartete Spiele ein wenig durcheinander zu bringen und sie hatten da auch durchaus schon interessante Spiele wie The Initiative und Voices in My Head in ihrem Portfolio. Mit Cozy Stickerville könnte ihnen nun aber ein richtig großer Wurf gelungen sein, bei allem was da so durch den Äther rauscht. Im Allgemeinen kommt das Entspannungsspiel wohl sehr gut an und das obwohl die Cozy Games ja im Ruf stehen ihre Spieler*innen selten zu überfordern und mit spielerisch relevanten Entscheidungen daherzukommen. Einige dieser Spiele kann ich nur schwer als Spiel beschreiben sondern würde sie eher Aktivität nennen. Doch Cozy Stickerville möchte eigentlich immer das wir Entscheidungen treffen doch sie sind, sagen wir mal, alle irgendwie irrelevant, denn sie sorgen nur für ein Dorfbild, dass so oder so aussehen kann. Doch das ist genau der Kniff und bevor ich hier schon zu sehr in ein Fazit abdrifte erkläre ich euch erstmal worum es geht.

Worum geht es?

Wörtlich übersetzt heißt der Titel des Spiels „Gemütliches Aufkleber Dorf“ und das beschreibt schon ziemlich genau worum es hier geht. Wir als Spieler*innen treffen Entscheidungen darüber welche Aufkleber wir auf unser Spielbrett kleben wollen und damit unser Dorf in welcher Form auch immer bereichern. Nebenbei gibt es viele kleine Geschichten und Anekdoten zu erleben.

Cozy Stickerville – Das Spielfeld vor Spielbeginn / Foto: Spieltroll

Wie läuft das ab?

In Cozy Stickerville gestalten wir kooperativ über zehn Spieljahre hinweg ein Dorf. Wir können jedes Jahr einzeln spielen oder auch mehrere hintereinander. Ein Spieljahr eignet sich nur perfekt dafür die Partie zu unterbrechen und später mit dem Dorfbau fortzufahren. Für jedes dieser zehn Jahre benötigen wir in etwa eine halbe Stunde an Spielzeit. Der Spielaufbau ist schnell erledigt, denn wir haben nur ein zu Beginn noch leeres doppelseitiges Spielbrett, ein paar Marker und Karten. Diese sind unter anderem in die zehn Spieljahre unterteilt, so dass wir für jedes Jahr einen eigenen Satz von zwölf Karten haben, den wir mischen.

Cozy Stickerville – Sticker- und Storyheft / Foto: Spieltroll

Wer am Zug ist zieht eine Karte vom Stapel und liest diese laut vor. Wir werden durch diese Karten in den meisten Fällen vor eine Entscheidung gestellt: wollen wir aufstehen oder doch lieber im Bett bleiben, Fischen gehen oder doch lieber Holz sammeln? Eine Straße anlegen oder doch lieber Blumen pflanzen? Und ab und zu kommen auch mal Leute vorbei die sich gerne in unserem Dorf ansiedeln wollen und wir bestimmen wer bleiben darf. Rohstoffe sammeln wir dabei über Marken, die wir auch von Jahr zu Jahr behalten dürfen. Ansonsten wird jede Veränderung im Dorf über einen oder mehrere Aufkleber dokumentiert. Dafür gibt es extra ein Stickerheft in dem wir jeden Aufkleber mit Nummer und Seite wiederfinden können. Nach und nach entwickelt sich dabei ein Dorf auf unserem leeren Spielplan. Für das Aufkleben der Sticker gibt es dabei nur wenige Regeln. So dürfen wir zum Beispiel keine Aufkleber über den Falz des Spielplans anbringen oder müssen mit bestimmten Aufklebern in den entsprechenden rautenförmigen Bereichen kleben, die uns der Spielplan vorgibt. Durchsichtige Aufkleber dürfen wir auch über andere kleben und somit noch mehr Individualität in die Gestaltung des Dorfes einbringen.

Cozy Stickerville – verschiedene Ressourcenmarker /Foto: Spieltroll

Ein Spielzug ist dabei immer zweiteilig. Der Vormittag besteht in der Abarbeitung der vorgelesenen Karte, am Nachmittag kann ich dann eine weitere Aktion ausführen. Das sind Aktionen die über ausliegende Karten ins Spiel kommen. Durch das Vorlesen am Vormittag kann ich zum Beispiel die Wahl haben ob ich eine Wohnhaus oder eine Poststation bauen möchte. Beides kostet mich bestimmte Mengen von Rohstoffen und ich muss das nicht sofort tun. Die Karte bleibt in unserer Auslage liegen, bis wir eines davon gebaut haben. Das kann also durch eine Nachmittagsaktion in einem viel späteren Zug passieren. Auch ist es möglich, dass wir einen Aufkleber auf das Spielfeld gebracht haben, der mit einer Nummer versehen ist. Auch diese sind Aktionen bei denen wir im Storybuch an der entsprechenden Stelle einen Eintrag lesen dürfen und auch dort wieder mit weiteren Entscheidungen konfrontiert werden. Daraus ergeben sich meist kleine fortlaufende Geschichten mit bestimmten Bewohner*innen.

Cozy Stickerville – Storykarten / Foto: Spieltroll

Es gibt noch einen weiteren etwas größeren Kartenstapel mit nummerierten Karten. Ab und zu werden wir dazu aufgefordert eine bestimmte dieser Karten ins Spiel zu bringen, die dann auch wieder Entscheidungen erfordert.

Kommen wir zu den Spielmechaniken die in Cozy Stickerville schlummern und das sind gar nicht mal so viele. Wie zu Beginn schon angedeutet sind die Cozy Games selten mit viel Mechanik gesegnet die tiefgehende Bedeutung haben. So haben wir auch hier nur ab und an etwas das an Spiel erinnert. Ab und zu müssen wir eine Entscheidung auch zufällig auswürfeln, oder uns Worker Placement mäßig für das eine oder andere entscheiden. Das meiste passiert aber über die Geschichtsentscheidungen: wollen wir lieber A oder B. Die Lesepassagen sind dabei durchaus witzig geschrieben und bringen uns das ein- oder andere Mal durchaus zum Schmunzeln. Alles bleibt dabei immer sympathisch und nett, was aber nicht bedeutet, dass wir hier keinerlei Konsequenzen befürchten müssen. Zu dummes Verhalten wird auch bestraft. Die Geschichten sind dabei auch überhaupt nicht ausufernd, sondern immer klein und erstaunlich gut auf den Punkt gebracht. Dadurch, dass viele Geschichten sich über mehrere Punkte hinwegziehen, die wir selten in schneller Folge erledigen können sorgt Cozy Stickerville für viele kleine und größere Spannungsbögen. Du beginnst irgendwo an einem Haus eine Geschichte, kommst dann in den nächsten Jahren durch andere Verpflichtungen nicht dazu dort weiterzuspielen, weil dir anderes wichtiger erscheint und kommst dann viel später, weil es dich doch interessiert wieder dahin zurück. Das ist durchaus geschickt, um dich bei Laune zu halten.

Cozy Stickerville – Erfolgsleiste / Foto: Spieltroll

Durch viele der Geschichten erhalten wir auch Erfolgsaufkleber, die wir an einer Seitenleiste festhalten. Schnell wird uns aber auch klar, dass wir in einem Durchlauf niemals alles erleben können. So müssen wir uns priorisieren und erhalten uns die Spannung.

Das Fazit

Ob das ein großer Wurf ist müssen wohl die Verkaufszahlen entscheiden. Ich kann nur von uns berichten und wir haben Cozy Stickerville gerne Abend für Abend genossen um ein wenig vom Alltag runterzukommen, denn dafür eignet es sich perfekt. Das Spiel braucht eigentlich keinen Aufbau, liegt sofort spielbereit da, ist in einer halben Stunde gespielt und in dieser Zeit hast du genügend, zwar keine belanglosen, aber auch nicht superwichtigen Entscheidungen getroffen und kreativ dein Dorf mit ein paar neuen Aufklebern verschönert. Du hast genug Platz dich auszutoben und kannst dein Dorf in viele Richtungen gestalten. Ob du lieber eine gute Wegestruktur zwischen deinen Häusern hast oder kreativen Wildwuchs bevorzugst, Tiere in deinem Dorf sammeln oder dir eine grüne Oase schaffen möchtest. Vieles ist möglich.

Cozy Stickerville ist ein superpositives Spiel das keine schlechte Stimmung aufkommen lässt. Das könnten einige als zu simple Pädagogik abtun. Wenn wir nur lieb sind, ist auch alles lieb zu uns. Finde ich aber nicht schlimm und wer das Spiel im Nachgang zur ersten Partie ein weiteres Mal spielen möchte, was dank der zweiten Spielplanseite möglich ist und wir dort nur auf bestimmte Möglichkeiten verzichten müssen, die wir nicht mehr haben, weil wir sie bereits verbrauchten wird feststellen, dass es nicht nur einen Weg gibt lieb zueinander zu sein, sondern es auch mehrere Wege nach Rom gibt oder wie auch immer ihr euer Dorf nennen wollt.

Gibt es auch Kritik? Wenig und keine besonders intensive. Ja, du kannst es nur insgesamt zweimal spielen mit insgesamt zwanzig Partien und einer Spielzeit von vielleicht zehn Stunden insgesamt. Das mag manchen für den Preis des Spiels zu wenig sein, aber ich finde das nicht schlimm. Auch die Tatsache das es einen Fluss als Begrenzung der Spielfläche gibt und wir uns am Anfang entscheiden müssen, auf welcher Seite wir uns ansiedeln wollen und durchaus die ohne den Berg nehmen können. Später dann aber Bergflächen benötigen um sie bekleben zu können und diese einfach auf der anderen Flußseite nutzen dürfen, obwohl wir noch keine Brücke gebaut haben und keine Häuser und Ähnliches dort bauen können, ist zwar thematisch nicht nachvollziehbar aber spielerisch irgendwie auch irrelevant, dass mich sowas nicht groß stört.

Insgesamt gefiel uns Cozy Stickerville wirklich gut auch wenn es im klassischen Sinn kein Spiel ist, sondern wirklich eher eine spielerische Beschäftigung mit einigen Elementen eines Brettspiels.


  • Verlag: Unexpected Games, Asmodee
  • Autor(en): Corey Konieczka
  • Illustrator(en): Jonathan Aucomte, Olivier Fagnère, Damien Mammoliti, Tomasz Morano
  • Erscheinungsjahr: 2026
  • Spieleranzahl: 1 – 6 Spieler*innen
  • Dauer: 30 Minuten

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