Bohemians – Kunst oder kann das weg?

Bohemians

Bitte die Überschrift nicht allzu ernst nehmen. Das soll natürlich ein bisschen provokant sein, denn der Titel gilt nicht gerade als ein großer Straßenfeger. Aufgrund seiner Optik zunächst gehyped wurde das Spiel dann doch recht schnell fallengelassen und nur darauf bezieht sich der Titel. Das Kennerspiel wurde von Pegasus nur allzu gerne aufgegriffen, was sie natürlich trotz ihres Langzeit Partners Portal Games wohl sowieso gemacht hätten, aber das Spiel ist optisch zunächst mal ein wirklicher Augenschmaus, egal was sich spielerisch hinter ihm verbirgt. Das gilt es noch ein wenig frei zu legen. Das Thema, die französische Kunstszene der Bohème wird hier einfach sehr schön eingefangen. Ob das Spiel nun gut ist, oder doch eher ein Reinfall, dass möchte ich heute ein wenig näher erläutern, denn aus meiner Sicht trifft beides zu. Wie kann das, werdet ihr euch jetzt fragen und ich versuche das einmal zu erklären.

Worum geht es?

Thematisch bewegen wir uns im Frankreich des 19. und 20. Jahrhunderts, wo sich eine spezielle Kunstszene, die sogenannte Bohème heraaskristallisierte. Eine Riege von Künstler*innen, die sich ganz ihrer Kunst verschrieb und einfach so in den Tag hineinlebte, egal was das auch für negative Konsequenzen für sie mitbrachte. Genau das ist es was wir hier auf spielerische Art erleben. Bohemians nutzt dabei das Deckbuilding als eine Kernmechanik und verlangt von uns mit den Karten einen möglichst erfolgreichen Tag zu planen.

Bohemians – Spieler*innentableau mit Karten befüllt / Foto: Spieltroll

Wie läuft das ab?

Hier möchte ich einmal darauf hinweisen, dass ich das Spiel ein wenig knapper als gewohnt zusammenfassen werde, um die generelle Spielweise zu erklären. Ich werde danach etwas intensiver auf den Fokus des oder der Solomodi eingehen, denn ich hole Bohemians nicht umsonst in meinem Solo-Schwerpunktmonat aus der Versenkung, um es zu besprechen.

Bohemians – Verschiedenste Aktionskarten mit denen wir unseren Tag füllen können / Foto: Spieltroll

Unsere Aufgabe in Bohemians ist es unseren Tag mit Aktivitäten zu füllen, die uns Inspiration für unsere Kunst liefern. Dies erreichen wir durch das Ausspielen aus Karten unseres Decks, das sich im Laufe der Zeit mit drei Sorten Karten füllen wird. Normale Aktivitäten, die wir für Inspiration kaufen können und uns Symbole liefern, die wir für die Tagesplanung unbedingt brauchen. Hinzu gesellen sich unsere Musenkarten, die uns inspirieren und unterstützen, sowie den gefürchteten Entbehrungskarten, die uns das Leben schwer machen. Inspiration erhalten wir über die Symbole am Rand der Karten, die wir so anordnen müssen, dass sie zusammen ganze Symbole ergeben. Jedes davon bringt uns eine Inspiration. Auch die Farben der Karten ist entscheidend, denn platzieren wir die richtigen Farben an den richtigen Orten, so erhalten wir Inspirationsboni. Verschiedene Musen zu verschiedenen Tageszeiten bringen uns weitere Boni.

Bohemians – Entbehrungen die uns den Tag versauen / Foto: Spieltroll

Unser Ziel ist es als erstes eine bestimmte Menge an Erfolg anzusammeln und so das Spiel zu gewinnen. Viel mehr steckt nicht dahinter. Die Entbehrungskarten machen uns das Leben ein wenig schwerer, aber im Großen und Ganzen ziehen wir jede Runde Karten, legen sie auf unser Tableau und versuchen neue Karten zu kaufen. Wir können Inspiration für spätere Aktionen speichern, aber nicht dafür, um später neue Karten und Erfolge zu kaufen.

Leider kann ich das Spiel für mehr als eine Person nicht so richtig empfehlen und da nehme ich natürlich ein wenig des Fazits vorweg, aber es gewinnt nicht gerade durch mehr Spieler*innen. Um ein wenig mehr Interaktion in das Spiel zu bekommen, sollen die Spieler*innen sich nach der Planungsphase gegenseitig ihre Tagesabläufe erzählen, was genau zwei Runden lang witzig ist, dann aber anfängt zu nerven, also lässt man es dann einfach weg und schon verkommt Bohemians zu einer recht langweiligen Puzzelaufgabe, die sich mir für ein Spiel mit mehr Personen nicht richtig erschließt.

Bohemians – Die drei Zeitgeist Varianten für das Solospiel / Foto: Spieltroll

Anders sieht es dann aber im Solomodus aus. Natürlich kann das Spiel auch so, wie der Mehrspielermodus funktioniert auch solo betrieben werden und fühlt sich dadurch etwas besser an. Allerdings wartet Bohemians noch mit einem besonderen Solomodus auf: Zeitgeist. Der Zeitgeist-Modus kommt mit drei unterschiedlichen Versionen und damit Aufgabenstellungen. Teilweise sogar mit extra Material. Das allein verrät mir schon, dass sich hier besonders Mühe gegeben wurde. Das zahlt sich auch aus, denn diese drei Versionen machen deutlich mehr Spaß als der Rest des Spiels, weil die Aufgaben bunter und interessanter sind. Das Grundspiel bleibt dasselbe, außer dass wir keine Erfolge sammeln müssen. Jedes der drei Szenarien hat eine andere Aufgabe für uns. So müssen wir uns zum Beispiel in einem Szenario von den künstlerischen Fesseln befreien, indem wir die Karten von unserem Tableau durch Inspiration entfernen. Das wird mit jeder Karte schwieriger und die Fesseln behindern uns zusätzlich.

Bohemians – Ein Startdeck / Foto: Spieltroll

Das Fazit

So nun aber richtig: Bohemians ist also für mich tatsächlich beides. Ein Reinfall was das Spiel mit mehreren Personen angeht. So schön die Präsentation auch ist, so langweilig ist das zugrundeliegende Spielprinzip, welches mich überhaupt nicht überzeugen kann, da es keinerlei Mehrwerte gibt es mit mehr als einer Person zu spielen und auch die Möglichkeit dieses Spiel so, auf diese Weise, alleine zu spielen, holt mich nicht ab, weil es eben nur darum geht, möglichst viele Symbole auf das Tableau zu bekommen, ohne durch die Entbehrungen zu sehr behindert zu werden. Das ist insgesamt einfach zu wenig.

Richtig scheinen tut Bohemians aber für meinen Geschmack sobald ich den Zeitgeist-Modus heraushole und mich Solo an den drei beigefügten Szenarien versuche, die allesamt spannender zu spielen sind als das Grundspiel, weil sie mir interessantere Aufgaben stellen und das Spielprinzip gerade so abwandeln, das die Aufgaben einfach mehr Spaß machen. Es besteht auch die Möglichkeit diese Szenarien zu zweit im Koop zu spielen, aber das Spiel bietet wirklich einfach überhaupt keinen Mehrwert es überhaupt mit mehr als einer Person zu spielen. Wer aber gerne mal alleine spielt und sich ein paar kniffligen Aufgaben stellen möchte und so dennoch in den Genuss kommen möchte dieses wunderschöne Spiel zu spielen, sollte es definitiv Solo ausprobieren.


  • Verlag: Pegasus Spiele
  • Autor(en): Jasper de Lange
  • Illustrator(en): Tomasz Jedruszek, Mateusz Kopacz, Roman Kucharski, Hanna Kuik
  • Erscheinungsjahr: 2025
  • Spieleranzahl: 1-4 Spieler*innen
  • Dauer: 45-60 Minuten

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