
Ich habe ja wirklich Zeit für gar nichts mehr, nicht einmal ein Blogbuch habe ich in den letzten zwei Monaten geschafft. Das letzte erschien ganz zu Beginn meines Solo-Schwerpunktes. Es wird Zeit, denn in meinem Kopf regen sich schon seit geraumer Zeit wieder ein paar Gedanken, die ich in mein Blogbuch eintragen möchte. Gemütlichkeit? Ihr mögt euch fragen was jetzt wohl kommt, aber sobald wir den englischen Begriff rausholen wird es „Klick“ machen. Cozy ist in aller Munde und hat ganz heimlich in den letzten Jahren von der Brettspielszene Besitz ergriffen. Jaja, auch wenn der Trend in diesem Jahr so langsam zu eskalieren beginnt, so ist er schon ein paar Jahre da und beginnt auch zunehmend Spieler*innen zu nerven wie mir scheint. Ich kann das durchaus nachvollziehen, sehe es aber ein wenig differenzierter, aber dazu komme ich ein wenig später. Zunächst einmal möchte ich schauen wann und wo das Cozy-Genre (sofern es das überhaupt gibt) seinen Anfang genommen hat.
Wenn ich überlege, was wir da so in den Endachtziger und Neunziger Jahren so gespielt haben, komme ich nicht umhin eine ganz klare Veränderung zu sehen. Ich möchte jetzt nicht schon wieder Catan rausholen, weil wir ja alle wissen, was Klaus Teuber mit der Brettspielszene damals angestellt hat. Nein, vielmehr ist es die Zeit danach. Catan machte das Brettspiel schon wesentlich freundlicher und zugänglicher, weil es viel direkte Konfrontation herausnahm und uns um Punkte streiten ließ. Dennoch sind die Spiele dieser Ära alles andere als „gemütlich“, sie haben schon noch jede Menge Interaktion und Gemeinheiten in sich. Nehmen wir zum Beispiel einen weiteren Klassiker der Spielehistorie Carcassonne, welches im Kern ein wirklich gemeines Spiel sein kann. Im Vergleich zu früheren Zeiten aber eine wirkliche Verbesserung was Zugänglichkeit betraf. Danach aber begann irgendwann die Zeit in der sich die Spielerschaft und damit auch die Spiele in zwei große Bereiche aufteilte. Ein großer Bereich waren nach wie vor die Spiele mit hoher Interaktivität, die einen „Take That“-Anteil hatten und den Bereich der Multiplayer-Solitärspiele, die sich bis heute in Teilen der Spielerschaft großer Beliebtheit erfreuen, während andere sie glattweg ablehnen.

Jetzt komme ich langsam wieder zurück zur Gemütlichkeit, denn meiner Meinung nach ist das erste Spiel, welches ich zu diesem „Genre“ zuordnen kann bereits 2012 erschienen und es handelt sich um Tokaido. Sobald dieser Name fällt werden einige jubeln während ein deutlich größerer Teil sich mit Grausen abwendet und sagt: „Das ist doch gar kein Spiel!“. Doch ist es und es ist vor allem wegen seines Settings relevant, denn während wir uns in vielen Spielen noch mit Handel im Mittelalter, oder der Kolonisierung der Südsee befassten, gingen wir hier auf einen Spaziergang und ließen Land und Leute auf uns wirken. Das machte Tokaido so besonders und während erst sieben Jahre später der größte aller Türöffner erscheinen sollte machten unter anderem auch die märchenhaften Spiele von Ryan Laukat vielen Spielenden ein wohligeres thematisches Gefühl in der Bauchgegend und nahm spielerische Elemente deutlich zurück.

2019 erschien dann mit Flügelschlag der nächste Streich, der meiner Meinung nach zum Status Quo führte. Dieses Spiel bewies der Welt, dass du einfach jedes Thema und Setting in ein tolles Spiel verwandeln kannst und lies durch seine Optik auch viele neue Spieler*innen zu, die bisher immer geglaubt hatten in diesen „obskuren Brettspielen“ geht es immer nur um Konflikte, um Handel und um Gemeinheiten. Im gleichen Jahr erschien auch noch ein weiteres Spiel welches ich diesem Genre zurechnen würde: Parks. Das ebenfalls ein ungewöhnliches Setting aufgriff, wobei eigentlich sind wir da wieder bei Tokaido aber geschenkt. Auch Parks machte durch seine einladende Optik und das simple Spiel auf sich aufmerksam und ist aus der Cozy-Sicht der bessere Vertreter für dieses Genre. Nur Flügelschlag stieß das Tor einfach viel weiter auf.

Ihr wisst bestimmt was nun kommt. Das Ereignis das die Welt veränderte, die globale Pandemie sorgte in meinen Augen für die Sehnsucht nach Positivem. In einer Welt in der wir nur noch mit Angst und Schrecken zu tun hatten sehnten sich die Alleingelassenen nach noch weniger Konflikten und viele der Spieler*innen die mit den neuen Themen die Spielszene betreten hatten sehnten sich nach neuen netten Spielen und damit wären wir bei der heutigen Situation und den Cozy Games und die Spiele sind da nicht allein in der Kultur. Bücher sind so angesagt wie nie, weil alle einen Ausgleich zu den digitalen Welten suchen. Darüber hinaus greift ja noch eine zweite Pandemie um sich und das ist die der Vereinsamung in unseren Gesellschaften. Leute verlieren durch Social Media und ihre digitalen Leben zunehmend den Anschluss an andere Personen und ziehen sich zurück, verlernen soziale Interaktionen und fühlen sich dann letztendlich auch in Brettspielen mit Interaktion überfordert. So entstehen heutzutage viele Brettspiele, die sich unter diesem Genre Cozy-Games zusammenfassen lassen, die spielerisch sehr seicht, optisch sehr hübsch und wenig interaktiv sind. Flamecraft ist für mich ein Paradebeispiel oder nehmen wir das zum Spiel des Jahres nominierte Cozy Stickerville.
Vielspieler*innen und ein Großteil der alteingesessenen Spieler*innenschaft haben damit aber wieder ein Problem, weil sie sich bedroht fühlen anstatt es als Ausprägung ihres Hobbys zu feiern und diese neuen Spieler*innen zu begrüßen. Ich sehe hier den gleichen Effekt mit dem sie auch in einer Form der Arroganz die Nase über Familienspiele rümpfen, die sie als nicht würdig empfinden Teil des Hobbys zu sein. An dieser Stelle sei nur Morty Sorty Magic Shop erwähnt, welches viele als total deplatziert für den Preis Spiel des Jahres ansahen. Ich muss diese Spiele ja nicht mögen, sondern sie nur akzeptieren. Ich selbst finde Flamecraft total grottig und schreibe auch darüber, freue mich aber, dass mein Hobby immer mehr Spieler*innen gewinnt. Irgendwann werden sich daraus vielleicht neue Schnittmengen bilden. Also nicht jeder muss Cozy Games mögen, aber sie sind da und sie werden Teil der Geschichte dieses Hobbys sein, ob das manche Gatekeeper wollen oder nicht. In diesem Sinne macht es euch gemütlich und spielt schön!