Klassiker – Scotland Yard

In meiner kleinen Klassiker-Rubrik soll es heute mal wieder um ein Spiel aus meiner Kindheit gehen. Scotland Yard habe ich mir ausgesucht, denn es ist auch heute noch ein wirklich spielenswertes Werk aus den frühen 80er Jahren. War man es doch in dieser Zeit meistens noch gewohnt mit Würfeln Figuren über Spielfelder zu scheuchen, war Scotland Yard eines der Frühwerke dessen, was wir heute als „gutes“ Brettspiel bezeichnen. Die Spieler sind hier nämlich in keinster Weise von Glückselementen betroffen und müssen nur durch ihren eigenen Gehirnschmalz herausfinden, wo sich ihr Gegenspieler auf dem Spielplan befindet. Natürlich mus man da auch ab und zu mal eine glückliche Entscheidung treffen und muss versuchen den Gegenspieler einzuschätzen, aber alles liegt in der Hand des Spielers, keine Karte oder Würfel als Entscheidungsträger. Der Mechanismus ist so simpel, dass man Scotland Yard innerhalb weniger Minuten erklären kann, da bleibt immer noch Zeit für eine weitere Partie mit vertauschten Rollen beim brettspielgewordenen Räuber und Gendarm- Erlebnis. Außerdem ist es bis heute ein Millionenseller und hat viele Leute sehr beeinflusst.

Scotland Yard stammt aus dem Jahr 1983 und ist tatsächlich ein Spiel, das am Reißbrett entstanden zu sein scheint, denn das Spiel aus dem Ravensburger Verlag hat keinen Autor. Nein, es hat gleich sechs. Die Autorengruppe setzt sich zusammen aus Werner Schlegel, Dorothy Garrels, Fritz Ifland, Manfred Burggraf, Werner Scheerer und Wolf Hoermann, die bis heute nur diese eine Spiel entwickelt haben, das es zu Nennenswertem Erfolg gebracht hat. Bis 1985 verkaufte Ravensburger bereits eine Millionen Kopien von Scotland Yard, was es zu einem riesigen Erfolg für den Verlag werden ließ. In unregelmäßigen Abständen veröffentlichte der Verlag bis heute immer wieder neue Auflagen mit verändertem Aussehen und 2013 auch mit spielerischen Änderungen.

Für diejenigen von euch, die Scotland Yard nicht kennen sollten, kurz noch einmal das Spielgeschehen zusammengefasst. Von den teilnehmenden Spielern, spielt einer den sogenannten Mister X, einen Verbrecher, der durch die Stadt London auf der Flucht vor der Polizei ist. Die anderen Spieler übernehmen die Rolle der Polizisten und müssen versuchen Mister X zu fangen, bevor das Spiel endet. Das Spielfeld zeigt dafür einen Ausschnitt aus London mit diversen Haltestellen, die mit nummern versehen sind. Zwischen den einzelnen Haltestellen verkehren verschiedene Verkehrsmittel und diese sind als Linien eingezeichnet und vermitteln den Spielern so einen Plan des Verkehrsnetzes der Stadt. Es gibt Untergrundbahnen, Buslinien und Taxiverbindungen. Zwischen manchen Haltestellen befinden sich sogar zwei oder drei Linien aufeinmal. Die Spieler erhalten zu Spielbeginn eine bestimmte Anzahl an Tickets für die jeweiligen Verkehrsmittel, so dass sie mit ihren Tickets im Verlauf des Spiels haushalten müssen, denn U-Bahntickets sind sehr viel wertvoller als Taxitickets, da man mit ihnen viel weiter auf dem Spielplan voran kommt als mit einem Taxi, mit dem man in der Regel immer nur von einer Haltestelle zur nächsten fahren kann.

Die Startpositionen der Spieler werden zu Beginn aus einem Haltestellenstapel ausgelost und während die Spieler ihre Figuren auf ihre Position des Brettes stellen, hält Mister X seine Station geheim. Das Spiel geht nun über mehrere Runden immer gleich von statten, Mister X bewegt sich geheim auf dem Spielbrett und gibt als einzige Information sein Fortbewegungsmittel preis. Dazu hat er eine Notiztafel, auf der er die Nummer seiner neuen Haltestelle notieren muss und sie mit einem Ticket verdeckt. Danach sind die Detektive dran und geben ihrerseits in Absprache entsprechenden Tickets an Mister X ab und verändern ihre Position. In unregelmäßigen Abständen, die das Tableau vorgibt, muss Mister X sich zeigen und stellt seine Spielfigur auf die Position an der er sich zu diesem Moment aufhält, danach zieht er verdeckt weiter. Die Spieler müssen es schaffen irgendwann auf das Feld von Mister X zu ziehen, wenn er sich gerade dort befindet. Dann haben sie gewonnen. Sollte Mister X bis zum Ende des Tableaus durchhalten, so gewinnt er.

Ein paar Besonderheiten für Mister X gibt es noch, denn gerade bei der vollen Besetzung ist das Leben als Schurke gar nicht so leicht auf dem Spielplan. Mister X verfügt zweimal während des Spiels über einen doppelten Zug, darf also zweimal hintereinander ziehen, was ihn aus brenzlichen Situationen retten kann. Außerdem gibt es entlang der Themse noch ein paar Fährverbindungen von der einen auf die andere Seite des Flusses, die nur er mit Hilfe seiner schwarzen Tickets benutzen kann. Diese Ticketart hat er exklusiv in der Anzahl der Gegenspieler und kann sie nicht nur dazu benutzen über den Fluss zu fahren, sondern sie auch für jedes andere Verkehrsmittel benutzen, um seine Spuren zu verschleiern.

Scotland Yard ist somit für einen Teil der Spieler ein kooperatives Deduktionsspiel und für Mister X eine spannende Herausforderung nicht erwischt zu werden. Absolut kultig war dabei in den ersten Auflagen eine blaue Pappschirmmütze als Sichtschutz, damit die Gegenspieler von Mister X nicht sehen konnten, wohin auf dem Spielbrett er genau schaut um Rückschlüsse auf seine Position ziehen zu können.

Bis 2003 hatte Ravensburger dann nach eigenen Angaben weltweit bereits vier Millionen Kopien von Scotland Yard verkauft, was es zu einem massiven Hit machte. MB brachte zwischenzeitlich auch eine englische Variante heraus.

2013 dann legte Ravensburger es erneut auf und machte in der neuen Auflage auch ein paar gravierende Regeländerungen, die sich über die Jahre schon in Spielerkreisen als Hausregeln durchgesetzt hatten. Zum Beispiel sollte Mister X durch den erhalt der Tickets von den Spielern in seinen Möglichkeiten eingeschränkt werden können, indem diese sich zum Beispiel darauf einließen ihm kaum U-Bahn-Tickets zukommen zu lassen, das stellte sich aber oftmals als sinnlos heraus, so dass Mister X immer aus dem Vollen schöpfen konnte und sich im allgemeinen Vorrat bediente. Außerdem wurde die Variante mit den Bobbies eingeführt, bei dem mit weniger als vier Spielern neutrale Figuren aufs Feld gesetzt werden, die von den Spielern gemeinsam gesteuert werden. Die Regel besagt in diesem Fall nur, dass auch diese Figuren keine Fahrkarten benötigen. Von Spielern weltweit wurden zuvor mehr Figuren einfach von einem Spieler gesteuert, was ebenfalls einzug in die Regeln fand. Die gravierendeste Änderung betraf aber die Startpositionen, denn diese wurden jetzt aus verschiedenen Detektiv- und Mister X-Stapeln gezogen.

Scotland Yard hat sich bis heute als Marke erhalten und einiges an weiteren Dingen nach sich gezogen. Es gibt zum Beispiel eine Hörspielreihe mit Detektivgeschichten rund um Mister X und auch ein paar Bücher sind unter dem Titel erschienen. Das Spiel wurde zudem auch als App umgesetzt und 2017 erschien eine Kartenspielvariante, die aber bei der geneigten Spielerschaft eher schlecht ankam, weil sie sehr zufällige Elemente enthielt. Bereits 1999 kam eine weitere Variante mit dem Titel N.Y. Chase heraus, die das Geschehen nach New York verlagerte und durch ein paar zusätzliche Regeln für Abwechslung sorgte, aber ebenfalls nicht gut angenommen wurde. Scotland Yard muss außerdem als Anstoss für das beliebte Games Workshop Spiel Fury of Dracula angesehen werden, dass die Grundmechanik aufgreift und darum ein komplexeres Vampirspiel spinnt. Fans von Scotland Yard sollten sich das auf jeden Fall mal anschauen.

In der Vergangenheit wurde Scotland Yard auch als Livespiel umgesetzt. Dabei wurde das Spiel in öffentlichen Verkehrsnetzen großer Städte gespielt, bei dem sich die Spieler auch immer nur von Haltestelle zu Haltestelle bewegen durften und zwischenzeitlich ihre Position an eine Zentrale durchgaben, bis sie Mister X an einer Haltestelle aufgriffen.

Der kleine Spieltroll spielte dieses Spiel ziemlich oft mit seinen Kumpanen in der schon bei Diplomacy erwähnten Bibliothek an seinem Heimatort und bekam das Spiel alsbald auch für den Heimgebrauch von seinen Eltern zum Geburtstag geschenkt. Ich habe die Version immer noch in meinem Spieleregal und hole sie gerne mal aus dem Schrank. Das Spielfeld war in meinem Spiel schon kaputt, ein Teil des Spielbretts hatte sich abgelöst, sodass man ein zweiteiliges Spielbrett hatte. Irgendwann habe ich aber mal ein zweites Spiel in einem Jugendhaus mitgenommen, das weggeschmissen werden sollte, weil nur noch eine Figur und wenig Tickets im Spiel waren. Ich habe es adoptiert und den Plan einfach ausgetauscht. Ich habe viele gute Erinnerungen an das Spiel und würde es auch heute noch jeder beginnenden Spielerunde empfehlen. Es verfügte schon damals über gute und ungewöhnliche Elemente, die einen „Monopoly-“ und „Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spieler“ so sehr überraschen, dass sie denken, Brettspiele sind doch ganz cool.

Würde mich persönlich freuen, wenn Scotland Yard nicht in der Versenkung verschwinden würde, sondern in Anerkennung auch noch weitere Generationen zum Brettspielen verleiten würde.


  • Verlag: Ravensburger
  • Autor(en): Werner Schlegel, Dorothy Garrels, Fritz Ifland, Manfred Burggraf, Werner Scheerer und Wolf Hoermann
  • Illustrator(en): Erika Binz-Blanke, Rene Habermacher, Franz Vohwinkel, Thomas Weiss, Torsten Wolber, Ugurcan Yüce
  • Erscheinungsjahr: 1983
  • Spieleranzahl: 2 – 6 Spieler
  • Dauer: 30 – 45 Minuten

Ein Gedanke zu „Klassiker – Scotland Yard“

  1. Ewig nicht mehr gespielt, zuletzt wohl mit dem kleinen Spieltroll.
    Ohne gutes Teamwork hatten die Jäger gegen Mister X keine Chance! Frustrierend, wenn Mister X zum Greifen nah, per Black Ticket im weiten London wieder verschwand. Inzwischen gibt es wohl auch eine Junior-Edition ab 6 Jahre. Aber im heimischen Spieleregal schlummert noch die 80er Jahre Version bis die nächste Generation sagt: „Mister X, die Jagd beginnt“!

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