Evenfall – Wenn Hexen hexen

Evenfall

Evenfall, oder zu deutsch Abenddämmerung, wobei so ganz passt das nicht, denn es müsste poetischer klingen. Wenn der Abend hereinbricht oder so ähnlich. Na ja, egal, der Name klingt nur schmissig, hat mit dem Spiel aber nicht so richtig etwas zu tun, denn es geht nicht um den beginnenden Abend oder gar um einen Baum, wie das Schachteldesign einem verkaufen könnte, sondern um Hexenzirkel, die miteinander konkurrieren. Natürlich verkauft einem der Einleitungstext das alles als einen Aufbruch zu einer neuen Ära, bei dem aus dem Weltenbaum leuchtende Portale zu weit entfernten Regionen entstehen und so macht das im Sinne des Spiels alles Sinn. Das Spielprinzip der Wahl ist für den Autor Stefano Di Silvio, dessen Erstlingswerk hier vorliegt, das eines Engine Builders, so wie wir sie bisher schon von 51st State oder den Imperial Settlers-Spielen her kennen. Wobei sich mir hier ein Vergleich zum ersten Imperial Settlers am meisten aufdrängt. Auch hier haben wir kleine längliche Spieler*innentableaus und agieren mit Karten, die wir an verschiedensten Stellen des Tableaus anlegen. Hinzu gesellen sich hier nur noch eine Worker-Placement-Komponente und ein etwas vielschichtigeres Gesamtbild in noch weniger Spielzügen. Insgesamt ein cleveres, aber auch nicht ganz fehlerfreies, Kennerspiel aus dem Hause dlp.

Evenfall – Regionstableaus und Orte der Macht / Foto: Spieltroll

Worum geht es?

Um Hexenzirkel, die Regionen entdecken, um sie mit Ritualen, Zaubern und Artefakten zu belegen, Ressourcen aus diesen Orten ziehen und mächtige Mitglieder ihres Zirkels rekrutieren. Oder, um es auf das Spiel zu beziehen: wir bauen unser Tableau aus, mit dem Ziel die meisten Siegpunkte zu erzielen. Dazu benötigen wir Ressourcen, die wir über Orte und unsere Arbeiter bekommen können, die wir wiederum dazu benutzen, mächtige Hexen auszuspielen, die uns mit nützlichen Fähigkeiten oder Siegpunkten versorgen. Da Evenfall nur drei Runden lang ist, müssen wir auch ein Stück weit dafür sorgen, dass die Karten sich gegenseitig möglichst gut begünstigen, um einen guten Ertrag zu erzielen.

Wie läuft das ab?

Evenfall hält vor dem ersten Spielen eine Besonderheit für uns parat, denn wir müssen uns unsere Duallayerboards selbst zusammenbauen. Dafür werden entsprechende Stanzteile mit Klebepunkten so aufeinander geklebt, dass sich ein solches Tableau mit Vertiefungen ergibt. Das Endprodukt, ist dabei mitnichten, wie ich zunächst befürchtete, eine halbgare Lösung, sondern ist erstaunlich robust und neigt nichtmal zum biegen, wie es manch andere dieser Tableaus tun.

Evenfall – Spielertabelau / Foto: Spieltroll

Diese Spieler*innentableaus machen einen Großteil der Spielfläche aus. Die Spieler*innen werden im Laufe der Partie darauf ihre Ressourcen sammlen, ihre Arbeiter von hier einsetzen und diverse Karten anlegen. Oben gibt es je nach Seite (fortgeschritten oder normale Regeln) eine längliche Marke die einmal pro Runde verwendet werden kann und dazu umgedreht wird.

Neben diesen Tableaus werden noch bis zu vier weitere ausgelegt. Eines dient lediglich zum Sieg- und Magiepunkte zählen, während die anderen drei Regionstableaus sind, an denen die Orte der Macht, das sind Orte, die wir entdecken können und die uns Ressourcen und Fähigkeiten liefern, angelegt werden. Auf diesen Regionstableaus können wir unsere Arbeiter einsetzen. Es gibt jeweils ein zentales Feld, um die Orte zu entdecken, auf dem beliebig viele Arbeiter stehen können und ein paar weitere Felder, um Ressourcen zu generieren. Je nach Spieler*innenanzahl werden nur zwei oder alle drei Regionstableaus verwendet. Dadurch, das alle Spieler*innen ein eigenes Tableau mit Karten daran auslegen, sowie diese vier Taleaus mit jeweils Karten dazwischen als Auslage auf den Tisch gebracht werden müssen, sollte der Platzbedarf, trotz der Kleinteiligkeit, nicht unterschätzt werden.

Evenfall – Punkte- und Magietableau sowie Rundenzähler / Foto: Spieltroll

Evenfall wird nur über drei Runden gespielt, auch hier ähnelt es dem schon erwähnten Imperial Settlers, bei dem nur vier Runden gespielt werden. Das mutet zunächst recht wenig an, aber wir spielen solange abwechselnd unsere Züge, bis wir keine Ressourcen und Arbeiter mehr haben, um irgendetwas tun zu können. Eine Runde besteht dabei aus insgesamt vier Phasen in denen wir agieren. In der Erkundungsphase erhalten die Spieler*innen ihre Ressourcen, Magie und Karten um in der Runde zu agieren.

In der Aktionsphase spielen die Spieler*innen dann abwechselnd so lang, bis alle gepasst haben. Dabei gibt es fünf Hauptaktionen die durchgeführt werden können. Ein Ort der Macht kann entdeckt werden, wir aktivieren unseren Clanmarker (der oben auf dem Spieler*innentableau). Wir spielen eine Karte von unserer Hand, oder aktivieren ein Aktionsfeld mit einem Arbeiter. Wir haben auch die Möglichkeit magische Katalysatoren zu bauen, die unsere ausgespielten Karten verstärken. Können wir nichts mehr davon tun, müssen wir passen.

Evenfall – Entdecken eines Ortes / Foto: Spieltroll

Die Spieler*innen verfügen auf ihren Tableaus über zwei unterschiedliche Arbeitersorten: normale Hexen und ihre Ältesten. Die Hexen werden überall eingesetzt, während die ältesten nur auf Karten des eigenen inneren Zirkels eingesetzt werden dürfen, es sei denn eine Karte erlaubt etwas anderes. Innerer Zirkel werdet ihr euch fragen? Die Ortskarten werden rechts am Tableau angelegt. Oben ist der äußere Zirkel und unten der innere. Orte die erkundet werden kommen zunächst in den äußeren Zirkel und müssen noch nach unten geschoben werden, denn nur Orte im inneren Zirkel punkten am Spielende mit allem was darauf liegt. Alles im äußeren Zirkel ist nur während des Spiels relevant, zählt am Ende aber gar nichts. Zu diesem Zweck können wir über Einsatzfelder oder Belohnungen sogenannte Transfers verdienen, die es uns ermöglichen Orte zu verschieben. Orte bekommen wir über die Regionstableaus in der Spielfeldmitte, hier können wir Arbeiter einsetzen um die Orte zu erhalten. Die Orte geben über Symbole vor, ob ein oder zwei Arbeiter benötigt werden um den Ort zu bekommen.

Der Clanmarker gibt uns in der Basisversion ein paar zusätzliche Rssourcen, die wir einsammeln können, wenn wir ihn umdrehen. Im fortgeschrittenen Spiel, haben alle vier Hexenzirkel ihre eigene Fähigkeit, die über diesen Marker aktiviert wird.

Evenfall – Unterschiedliche Handkarten mit Kosten oben links / Foto: Spieltroll

Wollen wir Karten von unserer Hand spielen, so müssen wir ihre Kosten in Ressourcen bezahlen. Evenfall kennt drei Ressourcen: Kräuter, Elixiere und Wissen. Kartentypen gibt es exakt zwei, wobei es noch verschiedene Untertypen gibt. Zum einen haben wir Rituale und Spezialisten auf der Hand. Rituale spielen wir auf Orte der Macht. Pro Ort ein Ritual. Diese Rituale können verschiedenste Ausprägungen haben. Es gibt Zauber, Artefakte und Wesen. Sie verfügen über Fähigkeiten, haben manchmal Aktionsfelder, bringen Siegpunkte und können durch Katalysatoren verstärkt werden. Die Spezialisten sind Mitglieder*innen unseres Zirkels und können entweder als Spezialist oder als sogenanntes Ratsmitglied gespielt werden. Die Karten haben zwei Textboxen. Eine recht neben dem Bild und eine unten auf der Karte. Spielen wir die Karte als Spezialisten, so legen wir sie links neben unser Tableau und die Fähigkeit in der rechten Textbox tritt in Kraft. Außerdem gibt sie einen Siegpunktewert für das Spielende vor. Diese Fähigkeiten können dauerhafte, aktivierbare oder auch nur solche sein, die in der Kampfphase aktiv sind. Spiele ich eine Spezialistenkarte hingegen als Ratsmitglied, so schiebe ich sie unten unter mein Tableau, so dass nur die untere Textbox sichtbar ist. Solche Ratsmitglieder haben andauernde oder Spielende Effekte, die mich mit Punkten versorgen.

Evenfall – Arbeiter auf Aktionsfeld / Foto: Spieltroll

Die vierte Möglichkeit ist das Einsetzen eines Arbeiters auf einem Aktionsfeld, dass nicht dazu dient einen Ort zu entdecken. Hierzu kann ich die Aktionsfeldr auf den Regionaltableaus benutzen oder ich schaffe mir über Rituale auf meinen Orten eigene Einsatzfelder, die nur ich selbst benutzen kann. Schaffe ich es diese in meinen inneren Zirkel zu bewege, so kann ich auch meine Ältesten benutzen und erspiele mir so noch mehr Handlungsspielraum.

Evenfall – Die Katalysatoren / Foto: Spieltroll

Die letzte Möglichkeit ist das Herstellen der Katalysatoren. Von ihnen gibt es zwei verschiedene Sorten und ich lege sie auf die Rituale. Lege ich einen Sensenkatalysator auf das Ritual an einem Ort, so wird der Ernteffekt des Ortes in der Erkundungsphase zweimal ausgeführt. Ein Orbkatalysator lässt mich eine Stufe auf meiner Clanleiste aufsteigen. Das ist eine Bonusleiste auf meinem Tableau über die ich bestimmte Effekte und Punkte freischalten kann.

Evenfall – Orte der Macht / Foto: Spieltroll

Nachdem alle gepasst haben und die Aktionsphase beendet wurde, findet noch die Kampfphase statt, in der wir um die Vorherrschaft auf den Regionaltableaus kämpfen. Dazu wird die Anzahl der eingesetzten Arbeiter verglichen und die Spieler*innen können noch Magie einsetzen, um das Ergebnis zu beeinflussen. Dazu stellen sie geheim auf ihren Spielerrädchen einen Wert ein, den sie gewillt sind in Form von Magie zu bezahlen, um zu gewinnen. Auch hier gibt es Boni und vor allem Magiesteine zu gewinnen. Die Magiesteine sind durch unterschiedliche Symbole gekennzeichnet und können am Spielende den eigenen Orten der Macht im inneren Zirkel zugewiesen werden. Sollte das Magiesymbol des Ortes mit dem Stein übereinstimmen, so werden die Punkte des Ortes verdoppelt. Ein nicht zu unterschätzender Punkteboost.

Evenfall – Unterschiedliche Spezialisten / Foto: Spieltroll

Nach drei Runden endet dann das Spiel und die meisten Punkte gewinnen.

Das Fazit

Ist doch eine ganze Menge zu erklären und ich bin, während ich diese Zeilen schreibe noch immer nicht im klaren darüber, ob ich das Spiel nun eigentlich mag, oder ob es mir ein bisschen zu viel von allem ist. Evenfall macht schon Spaß und verlangt auch viel Übersicht von dir, um gut abzuschneiden. Auch eine gewisse Lernkurve ist vorhanden. Ähnlich der bei Imperial Settlers. Spielst du es zum ersten Mal, kommt nur recht wenig dabei rum, weil du noch gar nicht weisst, wie alles zusammenhängt. Es scheint zunächst eine sehr schwierige Aufgabe zu sein überhaupt einen Ort in den inneren Zirkel zu bewegen. Aber das wird besser. Du weisst einzuschätzen, was du tun musst.

Insofern holt mich Evenfall schon ab, aber es wirkt auch doch ein bisschen zu überfrachtet. Arbeiter einsetzen um Orte zu entdecken – okay. Auf diese Orte Rituale ausspielen mit Fähigkeiten, um meine Engine zu beschleunigen und auszubauen – okay. Spezialisten ausspielen um Punkte zu verdienen und ebenfalls die Engine zu beschleunigen – auch okay. Dann aber noch weitere Einsatzfelder und einen Kampf um die Vorherrschaft in den Regionen, um Steine zu bekommen, mit denen ich Punkte verdoppeln kann? Ich weiss nicht? Diesen Teil finde ich zu sehr angeflanscht. Generell der ganze Arbeiterteil wirkt nicht so richtig toll und überfrachtet das Spiel nur. Mir ist schon bewusst, das gerade diese Mixtur hier die Neuheit ausmacht, aber es macht mich irgendwie nicht auf Dauer an. Wie gesagt es macht mir Spaß, aber es ist nach ein paar Partien auch ein bisschen nervig weil das alles ein wenig zu umständlich wirkt. Hier wäre ein etwas enggeschnürrteres Konzept irgendwie besser.

Evenfall – Ritualkarten Zauber / Foto: Spieltroll

Der zweite Punkt, den ich doch auch zu kritisieren habe ist das Kartendeck. Zum einen ist es so riesig und es gibt soviele tolle Kombinationsmöglichkeiten von Fähigkeiten, die es zu entdecken gilt. Auf der anderen Seite sind diese auch nicht gerade schwierig zu finden, auch wenn der Stapel so groß ist. Sie drängen sich förmlich auf, während du andere Karten einfach immer außen vor lässt, weil sie eindeutig nur als Punktelieferant da sind, weil die Fähigkeit viel zu situativ ist oder einfach überhaupt nichts bringt. Außerdem enthält der Stapel einfach zu viele doppelte Karten, die den Eindruck erwecken, das die Ideen ausgingen und dich im Spiel tatsächlich eher behindern als dir nützen. Das Spiel dauert nur knackige drei Runden und da ist auch das ein bisschen nervig. Das Kartendeck schwankt bemerkenswert zwischen den beiden Extremen des Überflusses und dennoch der spielerischen Limitierung.

Evenfall – Ritualkarten Wesen / Foto: Spieltroll

Von der Gestaltung und dem Material finde ich das Spiel doch ziemlich gelungen. Hier war mit Martin Mottet auch ein ziemlich begnadeter Illustrator am Werk. dlp haben hier auch einen guten Job gemacht und ein schönes Spiel auf den Markt gebracht. Nur leider ließ die anfängliche Begeisterung doch recht schnell wieder nach. Wer diesen Blog schon länger verfolgt wird wissen, dass wir große Fans der Imperial Settlers Reihe sind und Evenfall schlägt schon in die gleiche Kerbe, kann durch die paar Haken zu viel die es schlägt aber dann doch nur für ein paar Partien begeistern und lässt zumindest uns recht schnell wieder das Interesse daran verlieren. Schade eigentlich.


  • Verlag: dlp Games
  • Autor(en): Stefano Di Silvio
  • Illustrator(en): Martin Mottet
  • Erscheinungsjahr: 2023
  • Spieleranzahl: 1-4 Spieler*innen
  • Dauer: 60-120 Minuten

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