Klassiker – Die Werwölfe von Düsterwald

Heute soll es um einen Klassiker gehen, der insgesamt eine sehr bewegte Vergangenheit vorzuweisen hat. Das Spiel fristete recht lange ein Untergrunddasein in studentischen Kreisen, bevor es Anfang der 2000er zu einem richtig großen Hit avancierte, obwohl es ein so extravagantes Spiel ist. Es kam direkt im Mainstream an, bevor es dann wieder von der großen Bildfläche verschwand und seitdem alle paar Jahre mal wieder in einer größeren Welle an die Oberfläche kommt. Momentan ist gerade wieder so eine Zeit, in der ich das Gefühl habe, es ist wieder Werwolfzeit. Die Rede ist in der Tat vom Spiel Die Werwölfe von Düsterwald und all seinen unterschiedlichen Versionen, Derivaten, Vorgängen usw. Ja, es ist nicht ganz einfach all das zu entwirren und zu erklären, aber ich will es mal versuchen. Auf jeden Fall ist dieses Spiel ein Phänomen, das trotz einer der schlimmsten Mechaniken, die man in Spielen benutzen kann zu einem Riesenhit wurde und das liegt wahrscheinlich sogar daran, dass ich kaum ein zweites Spiel kenne, das soviel Spaß dabei zuzuschauen.

Die Geschichte der Werwölfe beginnt in den 80er Jahren in Russland. Gemeinhin wird das Jahr 1986 als Jahr der Erfindung genannt, denn der russische Student Dimitry Davidoff erfindet ein Spiel namens Mafia, indem die teilnehmenden Personen, wie in einem Rollenspiel, bestimmte Rollen mit Fähigkeiten übernehmen. Einige gehören der Mafia an und die anderen sind die Bürge mitsamt ihren Verfolgungsbehörden. Die Mitglieder der Mafia versuchen die Guten zu töten, damit sie freie Bahn haben und die anderen wollen die Mafiamitglieder zu fassen bekommen. Ein sehr einfaches, leicht zu verstehendes Spielprinzip nur das keiner außer einem Spielleiter weiß, wer in der Runde wer ist und die Mitspieler am Tage darüber diskutieren, wer hier Teil der Mafia ist. In der Nacht hingegen bringen die Mafiamitglieder nach und nach die Leute um. Die Spieler sitzen in der Nacht mit geschlossenen Augen in einer Runde und nur die Mafiamitglieder öffnen die Augen und wählen ihr Opfer. Soweit also das Spielprinzip für diejenigen von euch, die noch nie etwas von dieser Art Spiel gehört oder gelesen haben. Andrew Plotkin gilt gemeinhin als derjenige, der dem Mafiaspiel ein Werwolfthema hinzufügte. Das Spiel verbreitete sich unter Studenten und erfreute sich großer Beliebtheit. Die Natur des Spiels brachte es ja mit sich, dass es für große Spielrunden gedacht war und wurde deshalb auf Partys gespielt.

Philippe des Phalliéres und Hervé Marly brachten 2001 dann eine komerzielle Version der Werwölfe in abgewandelter Form auf den Markt. Zunächst in Frankreich und dann recht schnell auch in Deutschland kam das Spiel unter dem Namen Die Werwölfe von Düsterwald vom Verlag Lui-même in den Handel. Das Spiel unterschied sich aber erheblich vom ursprünglichen Mafia. Die Rollen der Spieler sind zum großen Teil komplett anders. An jeder Partie nehmen auf jeden Fall mindestens zwei und je nach Spieleranzahl auch mehr Werwölfe teil. Bei den Dorfbewohnern spielt die Seherin eine wichtige Rolle, denn sie darf sich jede Nacht vom Spielleiter die Rollenkarte eines Spielers zeigen lassen. Weitere Dorfbewohner können je nach Lust und Laune hinzugefügt werden. Das Dorf wählt zu Beginn ihren Hauptmann, einen Spieler, der bei strittigen Entscheidungen die Auswahl trifft. Gute Spielleiter denken sich spontan immer noch ein bißchen Geschichte aus und schicken das Dorf in den Schlaf. Dann weckt er die Werwölfe auf, die sich lautlos und mit Augenkontakt, sowie Gestik auf ein Opfer einigen müssen. Die „schlafenden“ Dorfbewohner dürfen dabei natürlich auf jedes Geräusch achten. Dann schlafen die Wölfe wieder ein und die Seherin zeigt auf einen Spieler dessen Karte der Spielleiter ihr zeigt. Anschließend wacht das Dorf wieder komplett auf und der Spielleiter verkündet wer tot ist und aus dem Spiel ausscheidet. Danach beginnen die Dorfbewohner darüber zu diskutieren, wen sie für einen Wolf halten und ihrerseits töten werden. Am Ende des Tages zeigen alle Spieler gleichzeitig auf einen Spieler den sie lynchen wollen und derjenige Spieler scheidet ebenfalls aus. Das Dorf gewinnt sobald alle Werwölfe tot sind und die Werwölfe, wenn sie das ganze Dorf ausgelöscht haben.

In dieser Version gab es nur ein paar weitere Rollen, die unter den Dorfbewohnern hinzu kamen. So gab es zum Beispiel den Jäger, der bei seinem tod einen weiteren Spieler seiner Wahl töten durfte, oder die Hexe die in der Nacht in einer eigenen Phase aufwacht und einmal im Spiel ein Gift und einen Heiltrank einsetzen kann, mit dem sie einen toten Spieler heilen und einen Spieler ihrer Wahl töten kann. Das kleine Mädchen darf in der Nacht während der Werwolfphase versuchen zu spicken, um die Werwölfe zu identifizieren, aber sollte sich nicht erwischen lassen, sonst ist sie schneller tot als sie Wölfe beschuldigen kann. Insgesamt gab es zu diesem Zeitpunkt aber noch recht wenige Rollen. Trotzdem wurde das Spiel zu einem Phänomen und wurde in manchen Medien behandelt. Hollywood drehte sogar den Film Cry Wolf, der lose auf dem Spiel basiert und eine einfachere Version zu seiner Grundlage macht.

2003 landet Die Werwölfe vom Düsterwald auch auf der Empfehlungsliste zum Spiel des Jahres Preis und erringt zusätzliche Aufmerksamkeit, weil dort selten Spieler für eine Spielerzahl von 8-18 Spielern nominiert sind. In Frankreich gewinnt es beim As´d’Or sogar in der Kategorie Bestes Animationsspiel. Das Spiel bekommt dann 2006 mit Neumond seine erste Erweiterung, in der Ereigniskarten, ein paar neue Rollen und Varianten entahlten sind. Zu dieser Zeit nahm das Mainstream-Interesse an dem Spiel aber wieder ab und es blieb nur in den Gamerkreisen En Vogue.

Werwölfe / Foto: Spieltroll

2008 betrat dann ein neues Spiel die Werwolfbühne: Ultimate Werewolf oder zu deutsch einfach simpel Werwölfe. Das Spiel von Ted Alspach hob in meinen Augen das Spiel auf ein neues Level. Es geht viel kreativer mit möglichen Rollen im Dorf und auch unter den Werwölfen um. Es sorgt zum Teil sogar dafür, dass die Player Elemination weniger schlimm ausfällt, weil die Spieler im Spiel bleiben können. Das Spiel kommt bereits mit 30 unterschiedlichen Rollen in seiner Urversion und lässt sich auch mit noch mehr Spielern spielen. Eine dritte Fraktion wird genauso eingeführt wie verschiedene Spielmodi. Pegasus vertreibt und verlegt das Spiel damals in Deutschland.

In dieser Zeit existieren die beiden Spiele parallel und Ultimate Werewolf/Werwölfe findet genausoviele Anhänger wie Die Werwölfe von Düsterwald. Sie sind auch im Prinzip das gleiche Spiel mit unterschiedlichen Abläufen und Rollen. 2009 erscheint die zweite Erweiterung für Die Werwölfe von Düsterwald und führt in der Gemeinde Berufe und Gebäude, sowie weitere neue Rollen ein. 2012 schiebt man noch eine dritte Erweiterung nach, die dann nur weitere Charaktere enthält. Auch das Spiel von Ted Alspach erhält noch Erweiterungen, die sich aber in anderen Szenarien bewegen. Aus der Alspach Version des Spiels gehen aber noch weitere erwähnenswerte Abweichungen hervor, denn 2014 erscheint mit One Night Ultimate Werwolf eine schneller spielbare Variante die nur in einer einzigen nacht mit weniger Spielern gespielt wird. Außerdem erscheint 2018 eine Legacy-Variante.

Die Veröffentlichung von ultimate Werewolf löst nocheinmal eine zweite Welle aus und gefühlt nahm zu dieser Zeit die Präsenz des Spiels wieder zu. Danach wurde es abermals ein wenig ruhiger, bis es im vergangenen Jahr wieder aufzuflammen begann. Inzwischen gibt es auch andere Spiele, die sich einem solchen sozialen Spielprinzip verschrieben haben. Werwolf gebührt aber die Ehre soetwas salonfähig gemacht zu haben. Heutzutage gibt es auch viele Möglichkeiten solche Spiele Online zu spielen. Ein für mich ganz besonderer Spaß ist es bei Zoom-Online-Spielen dabei zu sein. Gar nicht einmal sie zu spielen, mir reicht das Zuschauen. Es bilden sich mit der Zeit interessante Charaktere heraus und es ist lustig zu sehen, wie manche Spieler als Werwölfe versuchen andere in eine Falle zu locken. Auf dem Youtube Kanal von The Dice Tower kann man Tom Vasel mit seiner Gruppe dabei beobachten, wie sie solche Werwolf-Runden per Zoom zu Pandemiezeiten spielen.

Bei uns war das Spiel auch eine Zeit lang während der ersten Welle ziemlich populär. Einige Parties auf denen Runden stattfanden wurden gefeiert und auch in meinem Ladengeschäft veranstalteten wir an Halloween immer einen Werwolfabend, wo wir im Laden zu ein paar Runden zusammenkamen. Auch dort war es schon immer ein Fest zuzuschauen, wie sich manche Spieler um Kopf und Kragen redeten. Wenn man mit dem frühen Ausscheiden kein Problem hat, dann kann ein solches Spiel eine ziemlich tolle Erfahrung sein. ich kann jedem nur empfehlen es mal auszuprobieren, wenn man wieder die Gelegenheit dazu hat. Entweder live oder auch mal über eine Onlinepartie.


Die Werwölfe von Düsterwald

  • Verlag: Lui-même, Asmodee
  • Autor(en): Philippe des Phalliéres, Hervé Marly
  • Illustrator(en): Philippe des Phalliéres, Hervé Marly, Alexios Tjoyas
  • Erscheinungsjahr: 2001
  • Spieleranzahl: 8 – 18
  • Dauer: 30 Minuten

Ultimate Werewolf/Werwölfe

  • Verlag: Bezier Games, Pegasus Spiele
  • Autor(en): Ted Alspach
  • Illustrator(en): Sanjana Baijnath
  • Erscheinungsjahr: 2008
  • Spieleranzahl: 5 – 68
  • Dauer: 30-90 Minuten

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