Ancient Knowledge – Verfall als Konzept

Ancient Knowledge

Mir war nur recht wenig über Ancient Knowledge bekannt, als ich in Essen am Iello-Stand vor der Wand mit Spielen stand und mir das Konzept durchlas. Alles klang allerdings nach einem Spiel das mir gefallen könnte. Kartengetriebenes Spiel, bei dem die Karten auf verschiedenste Weisen genutzt werden. Solistisch zwar, aber mit einem interessanten Verfallsmechanismus, bei dem die Karten auf einer Zeitleiste langsam ihrem Verfall entgegenrutschen. Unsere Aufgabe: das vorhandene Wissen der vergangenen Generationen von diesen Karten zu retten, bevor es durch den Verfall verloren geht. Bei so etwas bin ich gleich dabei, aber es sollte noch einige Zeit ins Land gehen, bis wir es Probespielen konnten. Erst kurz vor dem Jahreswechsel bekam ich die Gelegenheit und das Spiel hinterließ einen bleibenden Eindruck. Es konnte sich direkt in den Top 10 des Jahres platzieren und lässt mich auch momentan noch nicht wieder los. Was ich daran so gut finde und welche Schwächen es hat möchte ich euch heute etwas näher bringen.

Worum geht es?

Das Thema ist absolut nebensächlich, hier geht es um die Mechanik des Verfalls. Wir versuchen Wissen aus der Vergangenheit zu bewahren, bevor es unwiederbringlich verloren ist. Wir spielen Monumente und Artefakte der Zivilisationen in unsere Zeitleiste aus und versuchen das Wissen von ihnen zu entfernen bevor der Verfall sie einholt. Wissen das verloren geht ist negative Siegpunkte wert. Die Monumente verfügen über unterschiedlichste Fähigkeiten die mit den Mechaniken des Spiels interagieren und so entsteht ein faszinierendes Puzzle, bei dem wir im Wettstreit mit unseren Mitspieler*innen stehen.

Ancient Knowledge – Spieler*innentableau und Auslage / Foto: Spieltroll

Wie läuft das ab?

Bei Ancient Knowledge spielt sich viel direkt vor unserer Nase ab. Unser eigenes Tableau ist der Hauptspielort für uns. Hier legen wir bis zu fünf Artefakte aus, haben eine Zeitleiste am oberen Rand mit sechs Ablageplätzen und lagern unser verlorenes Wissen, sowie unsere zerfallenen Monumente und entdecken nebenbei verborgene Geheimnisse, vergessene Schriften und antike Persönlichkeiten.

Ancient Knowledge – Säulen der Erkenntnis / Foto: Spieltroll

In der Mitte des Tisches finden wir eine kleine Auslage aus drei Säulen bestehend, die die entdeckbaren Karten mit Geheimnissen, Persönlichkeiten und Schriften trägt. Der große Kartenstapel mit Monumenten und Artefakten wird gemischt und an jeden eine Starthand von zehn Karten ausgeteilt. Die Spieler*innen schauen sich die Karten an und dürfen sechs behalten. Der Rest wird abgelegt. Dann geht das Spiel auch schon los, denn außer den Markern für das Wissen muss nicht mehr Spielmaterial bereitgelegt werden.

Um schneller in Ancient Knowledge einsteigen zu können, gibt es Startsets von Karten für vier Spieler*innen. Hier sind verschiedene Sets aus je sechs Karten zusammengestellt worden, die jeweils gut miteinander funktionieren und einen leichteren Spielstart ermöglichen. Für die erste Partie sind die Sets sehr zu empfehlen.

Ancient Knowledge – Spieler*innentableau / Foto: Spieltroll

Ein Spielzug in Ancient Knowledge besteht aus drei Phasen. Es beginnt mit einer Aktionsphase in der wir zwei Aktionen ausführen dürfen, geht dann über in die Zeitleistenphase in der Karten mit dem Zeitleistensymbol bestimmte Fähigkeiten und Effekte auslösen und endet in der Verfallphase, in der all unsere Monumente in der Auslage ein Feld nach links rutschen. Wird dabei eines über den Rand unseres Tableaus hinaus geschoben, so verfällt es in unsere Vergangenheit und löst auch dabei eventuell Effekte und Fähigkeiten aus. Dann geht das Spiel in Reihenfolge weiter.

Ancient Knowledge – Artefaktkarte auf dem Tableau / Foto: Spieltroll

In der Aktionsphase stehen uns fünf unterschiedliche Aktionen zur Verfügung, die wir in beliebiger Form ausführen können. Jede Aktion ist auch doppelt ausführbar. Durch die Aktion Erschaffen spielen wir Karten auf unser Tableau. Dabei sind grundsätzlich zwei Kartenarten zu unterscheiden. Zum einen gibt es lila Artefakt Karten. Für diese stehen auf dem Tableau fünf Felder zur Verfügung. Artefakte bringen uns als Spieler*in spezielle Fähigkeiten oder Vergünstigungen im Spiel ein. Zeitgleich können wir aber nur fünf Artefakte ausliegen haben. Monument Karten sind die Spielkarten, die wir am oberen Rand in die Zeitleiste legen. Dort gibt es sechs Felder, wobei eigentlich zwölf, denn wir können die Monumente in zwei Reihen auslegen. Monumente gibt es in drei unterschiedlichen Farben. Die Karten geben in einem kleinen Kreis das Ablagefeld wieder, auf dem sie ins Spiel gebracht werden können. Gleich daneben finden wir die Angabe über die Anzahl des Wissens, den wir in Form von kleinen Steintafeln darauf legen müssen. Manche der Monument Karten kosten uns überdies noch Karten. Diese müssen wir abwerfen, um die Monumente spielen zu können. Generell können wir aber auch Karten bezahlen, um die Position, auf der wir die Karte ins Spiel bringen wollen zu verändern. Pro Feld eine Karte, egal ob in der Zeit nach vorn oder hinten. Einige Monumente verfügen über ein Schlosssymbol, welches es verbietet solche Karten an anderen Positionen ins Spiel zu bringen. Die Monumente haben alle Fähigkeiten, bringen Siegpunkte oder auch beides. Die Fähigkeiten sind vielfältig und manipulieren in der Regel den normalen Ablauf.

Ancient Knowledge – Erkenntniskarten / Foto: Spieltroll

Durch das Studieren können wir die kleinen Erkenntniskarten von den Säulen aus der mittleren Ablage bekommen. Diese sind für uns spielbar, wenn wir ihre Voraussetzungen erfüllen. Dann können wir sie einfach aus der Mitte nehmen, erhalten die Belohnung und legen sie an entsprechender Stelle recht an unserem Tableau an. Die Erkenntniskarten gibt es in zwei Stufen. Stufe eins hat Soforteffekte und Stufe zwei hat Siegpunkteffekte für das Spielende.

Mit dem Archivieren entfernen wir Wissen von den einzelnen Karten in unserer Auslage. Das ist wichtig, denn sobald die Verfallphase kommt und eines unsere Monumente mit Wissen darauf in die Vergangenheit gerät, wird dieses zu Verlorenem Wissen und bringt negative Siegpunkte am Ende der Partie. Für den Preis einer Karte die wir ablegen müssen, können wir ein Wissen von einer Karte retten. Wir können mit einer Aktion beliebig viele Karten abwerfen, um Wissen zu entfernen. Die Ausgraben Aktion erlaubt es uns Monumente in der Vergangenheit um 90 Grad zu drehen und dafür zwei Karten zu ziehen. Auch dies können wir mit beliebig vielen Monumenten auf einmal erledigen. Dies ist der effektivste Weg um an neue Karten zu kommen. Alternativ steht uns auch noch die Suchen Aktion zur Verfügung, mit der wir einfach eine Karte ziehen können.

Ancient Knowledge – Archivierte Karten / Foto: Spieltroll
Ancient Knowledge – Verfall / Foto: Spieltroll

Aus diesen fünf Aktionen setzen sich die Züge der Spieler*innen im Spielverlauf zusammen. Danach beginnt die Zeitleistenphase, in der die Karten mit entsprechenden Symbolen ihre Effekte auslösen. Diese werden in beliebiger Reihenfolge abgehandelt, bevor die Verfallphase beginnt. In dieser werden alle Monumente einen Schritt nach links geschoben. Monumente auf Position eins, gehen in die Vergangenheit und lösen dabei eventuell Verfalleffekte aus. Sollte sich noch Wissen auf ihnen befinden, so wird es in den Bereich für Verlorenes Wissen gelegt. Dann ist der Zug beendet und der oder die nächste Spieler*in ist an der Reihe.

Auf diese Weise wird gespielt, bis jemand es schafft 14 Karten in der Vergangenheit anzusammeln. Ist das der Fall sind alle noch dran, bis der oder die Startspieler*in wieder an der Reihe wäre. Anschließend werden die Punkte gezählt, die Hauptsächlich von Monumenten und Erkenntniskarten kommen. Die meisten Punkte gewinnen wie gewöhnlich.

Das Fazit

Ancient Knowledge ist ein modernes und absolut fantastisches Spiel, das dennoch bei einigen auf wenig Gegenliebe stoßen dürfte. Das Spiel verfügt über tolle, schlicht moderne, aber auch sehr edle Schauwerte. Um das gleichmal aus dem Weg zu räumen. Nur die Verpackung wirkt etwas zu groß für den ganzen Inhalt. Hier schreit alles: Erweiterung, die, wenn sie denn kommt, auf jeden Fall noch in die Spielschachtel passen wird. Dieses moderne Auftreten wird nicht jedem gefallen, wirkt es doch auch ein wenig steril. Mir gefällt es sehr gut, weil alles so schön aufgeräumt aussieht.

Das größte Plus von Ancient Knowledge sind aber die einfachen Regeln und der schnelle Spielaufbau. Hier wird tatsächlich recht schnell losgespielt, denn die Regeln lassen kaum Fragen offen und dürften auch Neulinge nicht überfordern. Das ändert sich dann aber bereits in Runde eins. Alle sitzen motiviert vor ihren Tableaus und sind voller Vorfreude die gestellte Aufgabe, ein paar Monumente sinnvoll auszuspielen und 14 Karten in die Vergangenheit zu transportieren, möglichst gut hinzubekommen und dann grübelnde Gesichter und wie der Autor Angst vor dem leeren Blatt Papier hat, sitzt du da und weißt tatsächlich nicht wie du anfangen sollst. So viele Dinge abzuwägen. Sechs Handkarten, neun Erkenntniskarten in der Auslage und dir wird schlagartig klar, dass das alles in der Theorie recht simpel klang, du aber keine Ahnung hast, was du jetzt tun sollst. Ja, Ancient Knowledge erwischt einen da tatsächlich auf dem falschen Fuß und spielt sich mit jeder Partie ein bisschen leichter, da du erst erlebt haben musst, was hier wie funktioniert und Einfluss auf was hat. Aus diesem Grund spielt sich eine Erstpartie wohl auch deutlich zäher als erwartet. Die Regeln sind hier nicht das Problem, sondern die schiere Masse der Möglich- und Unwägbarkeiten. Downtime ist eigentlich auch kein Thema, selbst in der Erstpartie, wo alles viel länger dauern wird nicht, denn jede Minute wird von allen genutzt, sich mit den eigenen Handkarten und Gegebenheiten zu beschäftigen. Pläne werden ersonnen und Spielverläufe geplant. So kommt es zu Beginn häufig vor, dass die Spieler*innen schweigend und grübelnd am Tisch sitzen und wenig Interaktion herrscht. Das kommt aber mit der Zeit, denn es gibt durchaus Karten mit denen auch Mitspieler*innen involviert werden. Dennoch gehört Ancient Knowledge auch zu den Multiplayer-Solitärspielen, die ja Teilen der Spieler*innenschaft gar nicht gefallen.

Ancient Knowledge – Artefakt Karten / Foto: Spieltroll

Trotz der klaren Aktionen wird es vorkommen, das Spieler*innen, sollten sie nicht zufällig Karten auf der Hand haben, die ihnen einen einfacheren Zugang zu neuen Karten gewähren, sich fragen, wie sie schnell an Nachschub kommen, denn einfach so Karten nachziehen ist nur über die teure Suchen-Aktion möglich. Wer die zu häufig nutzt wird aber schnell ins Hintertreffen kommen.

Ancient Knowledge hat wirklich viel Tiefe zu bieten und ist ein gnadenloses Puzzle, bei dem wir besser schnell rausfinden, wie wir in der Partie Punkte machen. Das scheint mit den vorgefertigten Decks noch möglich zu sein, aber spätestens wenn wir unsere Startkarten aus zehn Karten aussuchen, sollten wir uns Gedanken machen. Äußerst spannend.

Ancient Knowledge – Monument Karten / Foto: Spieltroll

Mir gefällt Ancient Knowledge ausgesprochen gut. Trotz der wenigen Komponenten, gibt es enorm viele Stellschrauben mit denen wir spielen können. Die Zeitleiste, die wir durch Karten nutzen. Die Handkarten selbst, die Ressource und Siegbedingung gleichermaßen sind, genauso wie das Wissen. Eine Karte mit vielen Siegpunkten und viel Wissen lohnt sich eventuell trotzdem, sollten wir sie schnell in die Vergangenheit bekommen, denn dort fungiert sie immer noch als Nachziehressource. Das ganze Spielmechanische System bietet sehr viel Spielraum zu agieren und hängt von vielen Variablen ab. Tolles Spiel, das zunächst viel einfacher scheint als es letztlich ist.


  • Verlag: IELLO
  • Autor(en): Rémi Mathieu
  • Illustrator(en): Pierre Ples, Adrien Rives, Emilien Rotival
  • Erscheinungsjahr: 2023
  • Spieleranzahl: 2 – 4 Spieler*innen
  • Dauer: 75 Minuten

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