Rassismus und Spiele – Der Fall Tascini

Klingt ein wenig reißerisch, das gebe ich zu, aber ich habe das Geschehen verfolgt und muss meinen Senf einfach dazu beitragen. Beruflich bin ich leider immer wieder gezwungen mich mit dem Thema Rassismus zu beschäftigen und mein Blog trägt nicht zuletzt deswegen das Logo, der Spielend für Toleranz-Bewegung. Am letzten Wochenende kochte plötzlich ein Post des Italieners bei Facebook hoch und sorgte für einiges an Trubel. Zufälligerweise spielten meine Frau und ich am letzten Wochenende gerade eine Partie Tekhenu von ihm und David Turczi. Ein Spiel das schon etwas länger bei uns rumsteht und für das ich vor hatte bald eine Review zu verfassen. Nun bin ich mir dessen nicht mehr so sicher und möchte einmal darlegen, was mich in diesem Zusammenhang alles bewegt.

Was genau ist passiert ?

Daniele Tascini veröffentlichte über Facebook einen Post in dem es ursprünglich um die Frage ging, ob Orks eine schwarze Hautfarbe haben müssen und was dies aussagen würde. Tascini zog den Vergleich zwischen Orks und Schwarzafrikanern, die er aber nicht als schwarz beschrieb, weil die Hautfarbe ja variieren würde. Er bezeichnet seine schwarzen Freunde stattdessen als N*##§+ und die müssen wissen, dass das nicht als Beleidigung gemeint sei. So weit so schlecht, natürlich wurde der Originalpost von ihm nach harscher Kritik aus der englischsprachigen Community gelöscht. Der Post macht aber als Screenshot weiter die Runde.

Nach der Kritik hat er einen weiteren Post veröffentlicht, indem er sein Bedauern darüber ausdrückte, das sein Post entdeckt und übersetzt wurde. Außerdem entschuldigte er sich dafür, weil er es hätte besser wissen müssen, dass er sich als Autor so nicht in der Öffentlichkeit äußern sollte. Diese etwas fadenscheinige „Entschuldigung“ reichte den meisten Kritikern aber nicht aus und auch Board & Dice, der Verlag bei denen er mit seinen Partnern Teile der sogenannten T-Serie (Tekhenu, Trismegistus) veröffentlichte, äußerten sich zu dem Vorfall. Sie seien zwar vertraglich dazu verpflichtet, die produzierten Spiele zu vertreiben, werden aber in Zukunft keine weiteren Spiele von ihm mehr veröffentlichen. Seine Entschuldigung sei nicht ausreichend und relativierend und lasse keinen Willen zur Änderung des Verhaltens erkenenn, lediglich das Bedauern darüber, das seine Aussagen in die Öffentlichkeit gelangt sind.

Auch Hans im Glück hat inzwischen reagiert. Die Spiele Auf den Spuren von Marco Polo und Auf den Spuren von Marco Polo II, an denen Tascini beteiligt war, werden aus dem Programm genommen und nicht erneut aufgelegt. Sämtliche Einnahmen die noch durch die Spiele generiert werden, kommen einer Antirassistischen-Organisation zu gute. Das Statement von Moritz Brunnhofer (Hans im Glück) ist in diesem Zusammenhang vorbildlich.

Ist das alles gerechtfertigt ?

Ich verstehe die Handlungsweise von Board & Dice und Hans im Glück sehr gut, denn wenn diese öffentlich Schweigen, so könnte ihnen dies als Zustimmung, Verharmlosung oder Duldung vorgeworfen werden. Sie kommen damit ihrer Verantwortung nach und ihre Reaktionen sind gerechtfertigt. Auch die Empörung und Kritik der Gamerszene ist vollends gerechtfertigt. Einige gehen jetzt aber soweit zu sagen, dass man Spiele von ihm nicht mehr Spielen sollte. Da wird es für mich dann aber schon wieder schwieriger. Natürlich ist das Deplatforming, welches Board & Dice und Hans im Glück nun betreiben nur allzu verständlich. Sie wollen einem Rassisten keine Plattform mehr bieten über die er in die Öffentlichkeit kommt und auch Geld verdient. Soweit finde ich das legitim, werfe aber nun den, im letzten Jahr ziemlich hochkochenden, Begriff der Cancel Culture in den Ring, den man diskutieren kann und muß. Außerdem kommen wir hier dann, wenn auch im kleineren Rahmen zu einer schon recht alten Diskussion: kann man Werk und Autor trennen?

Was ist Cancel Culture ?

Unter Cancel Culture (Löschkultur) versteht man eine übermäßige Verbreitung von Boykotten gegen Personen und Organisationen, denen beleidigende oder diskriminierende Aussagen oder Handlungen vorgeworfen werden. In der Regel sind diese Boykotte sehr umfassend. Es geht darum der öffentlichen Person die Unterstützung zu entziehen. Keine mediale Aufmerksamkeit. In dem hier vorliegenden Fall also genau das, was die Verlage gemacht haben. Kritik wäre an dieser Kultur zu üben, wenn sie die Zusammenarbeit mit ihm bereits aufgekündigt hätten, nachdem er seine erste Äußerung getätigt hat. Sie haben ihm aber die Chance zu einer Klärung gegeben, die er allerdings nicht zur Klärung und Reue, sondern zur Relativierung genutzt hat. Von daher finde ich haben die Verlage richtig gehandelt. Ein einfaches unreflektiertes Löschen, nur weil einem etwas an einer einzelnen Aussage nicht gefällt, wäre genau das was Cancel Culture ausmacht. Aber kann man wegen seiner Aussagen jetzt nie wieder ein Spiel von ihm Spielen, weil man ihn damit ja indirekt unterstützen würde? Da kommen wir jetzt bei einer schon sehr alten Diskussion an, der Trennung von Werk und Autor und ob man das trennen kann, sollte oder gar muss.

Kann man Werk und Autor trennen ?

Ich werde hier sicherlich keine Lösung für dieses Problem finden, denn wahrscheinlich kann man beide Ansichten irgendwie vertreten. Was in meinen Augen dafür spricht, ist das ich es für gefährlich halte, alles immer gleich stummzuschalten. Das ist ziemlich autoritär und in solch eine Richtung möchte ich mich eher nicht bewegen. Klar ist aber auch das üble Mistkerle tolle Kunst produzieren können. So naiv zu glauben, das dem nicht so wäre, sollte keiner sein. Die Kunst ist voll von Beispielen, Michael Jackson, Roman Polanski, Richard Wagner oder Peter Handke. Es kommt halt immer darauf an, ob ihre Kunst auch das Verabscheuungswürdige aussagt. Richard Wagner war glühender Antisemit aber sind seine Werke antisemitisch? Peter Handke hat wahrscheinlich völlig zu Recht den Literaturnobelpreis bekommen, aber er hat auch eine Grabrede am Grab eines Kriegsverbrechers gehalten und den Genozid von Srebrenica geleugnet. Das Problem ist das hier künstlerische Kompetenz mit ethisch-moralischen Gründen verrechnet wird. Wenn Künstler nur noch mit komplett weißer Weste ihrer Kunst nachgehen dürften, dann wird es aber sowohl für den modernen Hip Hop, als auch für politische Acts wie Pussy Riot ziemlich eng.

Steht man auf der anderen Seite und befürwortet die Gleichsetzung von Werk und Autor, so gibt man seiner eigenen Aufmerksamkeit eine politische Dimension und der Entzug derselben soll für Besserung sorgen. Erhebt sich selbst zu einer moralischen Instanz. Auch Opferschutz spielt eine Rolle, da die Verherrlichung der Kunst ansonsten über dem Leid der Opfer stehen würde. Die Gleichsetzung von Kunst und Mensch spielt die zentrale Rolle, da immer auch ein Stück des Menschen in seiner Kunst mitschwingt und man das eben nicht trennen kann.

Schwierig. Im Fall von Tascini finde ich das Vorgehen der Verlage, wie bereits gesagt, vollkommen in Ordnung. Rassismus hat einfach in diesem Hobby und auch ansonsten nirgendwo etwas zu suchen. Insgesamt aber liege ich irgendwo zwischen den beiden Positionen, denn es kommt auf den Kontext an. Auf der Tanzfläche zu Michael Jacksons „Pretty Young Thing“ zu flirten ist was komplett anderes, als auf einer Black Lives Matter-Demo „They don´t care about us“ mitzugrölen. Wagners Antisemitismus ist zu verurteilen, aber definitv anders zu bewerten als der von Xavier Naidoo. Letzgenannter müsste es inzwischen einfach besser wissen. Ich sehe momentan keinen Grund die Spiele von Herrn Tascini nicht zu spielen, denn bisher ist mir in diesen, zum Teil fantastischen Werken, nichts rassistisches aufgefallen. Sollte ich irgendwann in einem Spiel solche Dinge entdecken, sieht das definitiv anders aus. Ansonsten traue ich mir als denkendem Menschen durchaus zu zwischen diesen Dingen unterscheiden zu können.

Wie seht ihr das? Liege ich da falsch? Kommentare zu dem Thema sind definitv erwünscht. Da ich momentan auch noch ein paar Spiele von ihm hier auf Halde liegen habe, zu denen ich eigentlich Reviews schreiben wollte, werde ich zunächst einmal davon Abstand nehmen, um Herrn Tascini, so klein diese Seite auch sein mag, keinerlei Bühne zu bieten.

Ein Gedanke zu „Rassismus und Spiele – Der Fall Tascini“

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