Seltsame Schachtelangaben

Ich starrte neulich mal wieder sinnentleert auf meine Spielesammlung, die da im Kallax an der Wohnungswand ruhte und versuchte irgendwie einen klaren Gedanken zu fassen, aber es wollte mir nicht gelingen, immer wieder wurde ich durch die vielen unterschiedlichen Schriftzüge und Grafiken auf den Schachteln abgelenkt. Dann gab es da noch auf fast jeder Schachtel diese kleinen kryptischen Piktogramme mit Zahlenangaben, die plötzlich und total unerwartet meine Aufmerksamkeit erheischen konnten. Als erfahrener und jahrelanger Gamer viel mir auf, dass ich sie eigentlich nur noch ignoriere, aber aus irgendeinem Grund sind sie ja dennoch ziemlich wichtig, denn es gibt eigentlich fast niemanden der auf sie verzichtet. Schaut mal selber auf eure Schachteln, fast immer gibt es diese Angaben und um ihre wahren Bedeutungen soll es heute einmal gehen.

Was finden wir alles so für Angaben auf einer Spieleschachtel. Natürlich steht inzwischen eigentlich fast immer der Autor und der Illustrator auf der Schachtel. Das hat sich im Falle des Illustrators zum Glück ein wenig gewandelt, denn es ist noch gar nicht solange her, dass diese eher stiefmütterlich behandelt wurden. Aber diese Angaben auf der Schachtel meinte ich in meiner Einleitung nicht. Die Rede ist vielmehr von den klassischen drei Angaben Spieler*innenanzahl, Spieler*innenalter und Spieldauer. Diese drei finden sich auf nahezu jeder Spieleschachtel.

Widmen wir uns zunächst der Spieler*innenanzahl, denn sie ist wahrscheinlich diejenige der drei Angaben, die für mich noch den meisten informativen Gehalt hat. Warum? Na ja, sie gibt zumindest an, mit wievielen Spieler*innen ein Spiel rein technisch gesehen gespielt werden kann und das hat immerhin einen gewissen Wert, auch wenn das mit der realen Spieler*innenanzahl nicht immer etwas zu tun hat. Was meine ich damit genau mögt ihr euch nun fragen? Die Spieler*innenzahl ist bei Spielen rein technisch gesehen durch das Spielmaterial begrenzt. Haben wir zu wenig Spielmaterial, so können wir ein Spiel nciht mit mehr Leuten spielen, auch wenn es theoretisch möglich wäre, es sei denn wir sorgen selbst für Alternativen. In vielen Fällen geht aber die willkürliche Anhebung der Spieler*innenzahl mit mangelnder Spielfreude einher. Runden und Spielzüge würden einfach viel zu lang dauern, um ein gutes Spielgefühl zu erzeugen.

Die von den Verlagen aufgedruckten Zahlen geben aber nicht nur technisch vor, mit wieviel Spieler*innen sie gespielt werden können. Nein, eigentlich sagen sie gar nichts darüber aus, mit wievielen Spieler*innen ein Spiel gespielt werden sollte, denn ihre Angaben sind nie ehrlich. Diese kleinen Vonbiszahlen sind nämlich reines Marketingblabla um die Spiele zu verkaufen. Wenn ich auf ein Spiel 2 – 8 Spieler schreibe, so ist das eine ganz schöne Bandbreite. Spiele für zwei Personen sind in der Regel viel taktischer als Spiele für mehr Spieler*innen und müssen deshalb meiste ein paar Besonderheiten aufweisen um gut zu funktionieren. Genauso müssen auch Spiele für große Spieleranzahlen gedacht sein, weil sich sonst Mitspieler*innen am Tisch langweilen, während all die anderen an der Reihe sind. Wenn ein Spiel also behauptet für sowohl zwei als auch 8 Spieler gut zu funktionieren sage ich euch das es in der Regel nicht so ist. Nehmen wir zum Beispiel Magic Maze, ein Spiel das mir hier immer wieder in den Sinn kommt. Ich habe es mit meiner Frau zu zweit und auch in einer Gruppe gespielt. Das ist ein totaler Unterschied. Zu zweit ist es möglich, aber Spaß ist anders. Zu viert ist es toll und bereitet jede Menge Spaß. Mit allen anderen Spieler*innenzahlen ist es eine verdammte Flickschusterei. Du merkst sofort, dass es so nicht gedacht ist.

boardgamegeek.com Spielerzahlempfehlungskasten von Magic Maze / Foto: Spieltroll

Draftingspiele haben sehr oft sehr hohe Spieler*innenangaben. Nehmen wir Sushi Go Party! (2-7), 7 Wonders (3-7) oder Zwischen Zwei Schlössern (3-7). Hier würde ich sagen je mehr Spieler*innen desto besser, aber Sushi Go Party! zu zweit zu spielen ist obwohl es auf der Schachtel steht sinnlos. Ein gutes neues Beispiel, ist auch Mille Fiori. Das Spiel macht richtig Laune zu viert ist aber zu zweit einfach ein wenig zu langweilig, weil zuviel Platz auf dem Spielbrett besteht. Auf der Schachtel steht aber 2 bis 4 und nicht 3 oder 4. Zwei bis vier verkauft sich einfach besser. Also traut diesen Angaben nicht allzu sehr. Falls ihr ein paar mehr Informationen darüber haben wollt, mit wievielen Personen ein Spiel am besten funktioniert, vertraut der Community und geht auf boardgamegeek.com, gebt ins Suchfeld den Namen des Spiels ein und klickt dann unter der Spielerzahl auf den Link (das Bild zeigt euch, was ihr dann seht). Gelb hervorgehoben seht ihr die Spieleranzahlen, für die das Spiel laut Community am besten geeignet sind.

Erwähnt werden soll aber auch, dass es diese eierlegenden Wollmilchsäue aber dennoch gibt. Sie sind selten, aber es gibt sie. In meinen Augen sind Carcassonne und Zug um Zug zwei sehr schöne Beispiele, die sowohl zu zweit als auch mit drei, vier und mehr Spieler*innen Spaß bringen. Meistens sind es tatsächlich die bekanntesten Spiele, die sich in den letzten Jahren über einen gewissen Zeitraum einen gewissen Bekanntheitsgrad erworben haben, die mit allen Spieler*innenanzahlen zurecht kommen.

Kommen wir zur zweiten Angabe, dem Spieler*innenalter. Hier wird es aus meiner Sicht total wahllos und es kommt mitunter sehr auf den Verlag an, der hier die Aussage tätigt. Klassisch für viele deutsche Gamer sind die Angaben auf vielen alten Schmidt-Spielen oder Ravensburger-Werken, auf denen gern mal so ein Quatsch wie 10-99 Jahre steht. Damit sind wir alle groß geworden. Wenn schon eine Altersangabe, dann bevorzuge ich die Variante ab X, denn die bis Angabe ist völlig überflüssig. Die Fähigkeit ein Spiel zu spielen endet nicht einfach irgendwann. Wenn sie endet, hat das einen Grund. Anders sehe ich diese Angabe bei Kinderspielen, denn hier kann es nützlich sein einen gewissen Altersrahmen vorzugeben, der den Fähigkeiten des Kindes entsprechen sollte, denn Kinder entwickeln sich zwar auch individuell, aber in einem gewissen Rahmen erlernen sie zu gewissen Zeiten bestimmte Fähigkeiten, die Voraussetzung für ein Spiel sein können. Im Brettspielhobby hat diese Angabe allerdings auch nur Marketinggründe, denn das Alter ab dem ein Spiel gespielt werden kann hängt von sehr vielen Faktoren ab und ist sehr subjektiv. In meinem Laden haben wir früher sehr viele Spiele gespielt und die etwas jüngeren Kids wollten gern mit den großen Jungs und Mädels mitspielen, wurden aber von bestimmten Spielen ausgeschlossen, weil sie eine gewisse geistige Reife benötigten, was ich ihnen auch erklärte. Sie waren dann natürlich tödlich beleidigt und bewiesen genau den Punkt, den sie eben noch nicht besaßen um in einer Partie Diplomacy zu bestehen.

Das Alter ist wirklich sehr subjektiv zu betrachten und Spiele sind einfach nicht besonders gut in ihren Angaben. Ist ein Spiel ab acht Jahren ausgewiesen kann ich sagen es handelt sich um ein Familienspiel, mehr aber nicht. Es gibt Kinder die soweit sind das fähig mitzuspielen und es gibt Erwachsene die mit sowas bereits überfordert sind. Andersrum gibt es auch Verlage die Spiele ab 14 ausweisen, die aber gar nicht so komplex sind, denn bei 14 erwarte ich schon knackige Kennerspiele. Ihr merkt schon, diese Zahl ist eher etwas, das mit meiner Erwartung spielt, als das es eine richtige Bedeutung hat. Die Verlage drucken die Zahl dennoch auf die Schachtel, weil sie eben genau damit die Erwartungen bedienen wollen und so mehr Spiele verkaufen können. Pegasus geht in diesem Punkt ja inzwischen sogar noch weiter und kodiert Spiele noch farblich mit den Aufschriften Kenner, Familie, Experte usw. So dass sich bestimmte Spieler*innengruppen mehr von dem einen oder anderen Produkt angesprochen fühlen. Die Altersangabe ist also etwas bei dem ihr eigene Erfahrungen sammeln müsst und euch auf keinen Fall auf die Schachtelangaben verlassen solltet.

Als drittes Symbol auf der Schachtel bekommen wir es meistens noch mit der Spieldauer zu tun und diese ist, gerade für Neulinge mit extremer Vorsicht zu genießen. Denn hier haben wir es mit einer Angabe zu tun, die in den meisten Fällen nach sehr viel Testrunden als Mittelwert angegben wird und das ist nicht der Zustand in dem sich der durchschnittliche Spieler*innentyp bewegt. Diese Angabe bezieht kein Regelstudium mit ein, keine unterschiedlichen Spielertypen und dient einfach erneut dem Marketing. Schenkt diesen Angaben bitte kein Vertrauen, solltet ihr ein Spiel zum ersten mal spielen. Jedes Spiel dauert immer länger als diese Angabe, wenn Neulinge involviert sind. Das ist völlig normal, denn Regelerläuterungen sind an der Tagesordnung. Solltet ihr einen Erklärbären am Tisch haben geht es noch, aber wenn es für alle das erste mal ist, könnt ihr die Spielzeitangabe wahrscheinlich eher verdoppeln.

All das bezieht aber noch nicht die unterschiedlichen Spielertypen mit ein und nimmt Rücksicht auf die Runde in der gespielt wird. Manche reden gern viel beim Spielen und für sie ist das Spiel ein Mittel zum Zweck, da dauert eine Partie mit sicherheit länger, als wenn alle konzentriert auf das Spiel sind. Dann sind da natürlich noch die speziellen Analysierer, bei denen jeder Spielzug gut überlegt sein will, als wenn eine Partei Scahch gegen einen Großmeister gespielt wird. Viele Faktoren, die die Verlage nicht mit einbeziehen können und wollen, denn für sie muss sich ein Spiel verkaufen und sie müssen es an die Leute bringen. Wenn ihr ein tolles neues Expertenspiel auf den Markt bringen wollt und auf der Verpackung steht zwanzig bis vierzig Minuten, was denkt ihr dann von dem Spiel? Nicht viel oder, denn die Erwartung ist die eines 90 bis 150 Minuten dauernden Hirnzwirblers. Ein Expertenspiel das in zwanzig Minuten gespielt ist, kann doch nichts. Umgedreht ist es natürlich genauso, Spieler*innen die Familienspiele bevorzugen wollen kein zweistündiges Epos spielen, sondern eine Runde innerhalb der Familie die Spaß macht und Kinder sitzen selten länger als 45 Minuten an einem Tisch für ein Spiel.

Berücksichtigt als auch soetwas, wenn ihr euch die Spieldauer anseht. Diese ist eher für erfahrene Spieler*innen gedacht, die ein Spiel immer wieder Spielen und so geübt sind, dass sie diese Zeiten erreichen.

Es gibt natürlich auch noch weitere Symbole und zum Teil ganze Bewertungskriterien auf den Scahchteln, mit denen die Verlage versuchen mehr Spiele zu verkaufen. Durchaus beliebt sind die Skalen für Taktik, Glück, Grübler und was weiß ich noch alles. All das dient nur dem Absatz und hat wenig Aussagekraft für den Verbraucher. Informiert euch vorher und viel Spaß beim Spielen.

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