My City

My City / Foto: Spieltroll

Eigentlich ging ich bereits davon aus, dass ich My City niemals zu Ende spielen würde, da meine Frau es nach bereits drei Spielen so sehr hasste, dass sie es nie wieder anfassen würde. Doch nun bin ich hier um eine Review über My City von Reiner Knizia zu verfassen und das heißt, ich habe es doch getan. Allerdings ohne meine Frau. Ich bin quasi Fremdgegangen und habe die Kampagne ohne sie beendet. My City sorgt im letzten Jahr für ein bißchen Wirbel, denn es kam im Frühjahr raus und schon recht schnell war klar, dass es anscheinend ein kleiner Hit sein würde und darüber hinaus erhielt es auch noch eine Nominierung zum Spiel des Jahres 2020.Gewonnen hat es zwar letztlich nich, aber immerhin wurde es im Familienspielbereich nominiert. Das ist deswegen ungewöhnlich, weil wir es hier zwar mit einem Autor zu tun haben, der sich in diesem Metier recht gut auskennt, der aber mit My City ein Legacy-Spiel für die Familie geschaffen hat. Richig gelesen, My City ist ein Legacy Spiel. Das heißt, das Spiel wird sich über mehrere Partien hinweg entwickeln und verändern. Der Untertitel „Deine Stadt wird einzigartig“ verrät es schon, am Ende wird jeder Mitspieler eine andere Erfahrung gehabt haben. Im Fall meiner Frau bereits recht früh eine sehr schlechte. My City ist aber, nicht wie manch andere Legacy-Spiele nach Beendigung der Kampagne immer noch spielbar.

Worum geht es?

Die Spieler bauen alle auf ihrem eigenen Tableau eine Stadt. Jeder hat den gleichen Satz mit verschieden geformten Gebäuden vor sich, die nach und nach zu einer Stadt entwickelt werden. In jeder Runde gibt eine Karte vor, welches Gebäude gebaut wird und die Spieler müssen es auf ihrem Tableau einbauen. Für bestimmte Dinge gib es am Ende jeder Partie Punkte und wer seine Gebäude am besten platziert hat, wird gewinnen. Nach jeder Partie wird sich das Tableau eines jeden Spielers permanent verändern, so dass nach ein paar Partien bereits jeder ein anderes Spielgefühl haben wird. My City ist dabei in acht Kapitel unterteilt, von denen jedes drei Spiele beinhaltet. Die Spieler werden also bis zum Ende 24 Partien gespielt haben. Danach bleibt das Spiel trotzdem normal spielbar.

My City – Spielerbrett Normales Spiel / Foto: Spieltroll

Wie läuft das ab?

Ich werde natürlich nur ganz groß das Spielgeschehen der ersten Partie skizzieren und über den Rest nichts spoilern, um euch den Spaß nicht zu verderben.

My City kann von zwei bis vier Spielern gespielt werden und sollte meiner Meinung nach auch am besten zu viert gespielt werden, um den maximalen Spaß rauszuholen. In der Spielschachtel finden wir zunächst vier großformatige Tableaus für die Spieler. Diese Tableaus sind zweiseitig und sind für beide Varianten des Spiels gedacht. Die eine Seite zeigt ein etwas kleineres Spielfeld mit ein paar Bereichen links und unten auf denen vielleicht später noch etwas stattfinden könnte. Diese Seite ist für die Legacy-Variante. Die andere ist für das normale Spiel. Die sollte man sich am besten auch noch nicht so genau anschauen. Das gilt auch für den Teil der Anleitung in der das normale Spiel beschrieben wird, denn das normale Spiel enthält ein paar wenige Elemente des Legacy-Spiels, die wir erst im Verlauf der Kapitel kennenlernen werden.

Neben den Tableaus bekommt jeder Spieler einen Satz aus 24 Gebäuden. Diese haben unterschiedliche Formen und Größen und gibt es in drei Farben: Rot, Gelb und Blau. Jeder bekommt einen Zählstein, der zu Beginn auf die 10 der Punkteskala gestellt wird. Dann gibt es noch einen Kartenstapel der erstmal gemischt wird und anschließend für alle sichtbar in der Mitte des Tisches abgelegt wird. Darüber hinaus befinden sich noch acht großformatige weiße Umschläge in der Schachtel, die uns mit einer Aufschrift genau zu erkennen geben, für welche Kapitel, bzw. Spiele sie gedacht sind.

My City – Gebäudesatz (blaues Viereck nicht im Bild) / Foto: Spieltroll

Zu Kampagnenbeginn darf jeder sein Tableau ersteinmal mit einem Stadtnamen personalisieren. Das Spielfeld besteht aus 11 mal 11 Feldern und zeigt uns diverse Dinge. Quer über das Spielfeld verläuft ein Fluß entlang der grenzen einiger Felder. Am linken Rand sieht man ein Gebirge und rechts einen Wald. Der Rest ist grüne Wiese und auf manchen Feldern stehen zwei einzelne Bäume herum und auf manchen sind zwei Steine abgebildet. Das Spielfeld wird von einer Punkteleiste oben und rechts umlaufen, auf der wir unseren Zählstein auf die zehn gesetzt haben. Neben unsere Namensplakette am oberen Rand befindet sich noch eine weitere Leiste aus lauter Grüppchen mit je zehn Kreisen.

My City – Erster Spielzug / Foto: Spieltroll

Die Basisspielregeln sind sehr einfach. Jede Runde wird die oberste Baukarte vom Stapel umgedreht. Diese Karte zeigt uns ganz eindeutig ein Gebäude das wir nun bauen müssen. Alle Spieler bauen das Gebäude gleichzeitig auf ihrem Brett ein. Am Ende des Spiels erhalten die Spieler Punkte für ihre Stadt. Derjenige Spieler, der die meisten Punkte hat, darf sich zwei Fortschritte gutschreiben, die durch die Punkte im oberen Bereich des Tableaus angeziegt werden. Derjenige mit den zweitmeisten Punkten erhält noch einen Fortschritt. Diese Fortschritte sind es, die nach 24 Partien, den Gesamtsieger der Kampagne ausmachen.

My City – Spielsituation / Foto: Spieltroll

Natürlich gibt es noch ein paar Regeln, nach denen die Spieler die Gebäude auf ihr Tableau einbauen müssen. Zum einen dürfen Gebäude nur auf Wiesenfelder gebaut werden. Gebirge und Wald sind tabu. Die Wiesenfelder mit Bäumen und Steinen dürfen aber überbaut werden. Baumfelder bringen am Ende, wenn sie noch sichtbar sind allerdings Siegpunkte und Steine die noch frei sind, bringen Minuspunkte. Gebäude dürfen außerdem nicht auf dem Fluss gebaut werden. Das bedeutet, das man Gebäude nur an den Fluß und nicht drüber bauen darf. Das allererste Gebäude einer Partie muss zudem seitlich an den Fluß angelegt werden. Alle weiteren Gebäude müssen so gelegt werden, dass sie an ein bereits gelegtes Gebäude angrenzen. Der Fluß darf aber dazwischen verlaufen. Man darf außerdem bereits liegende Gebäude nicht wieder, auch nicht teilweise, überbauen. Gebaute Gebäude dürfen nicht mehr versetzt werden und falls man einmal ein Gebäude nicht mehr setzen kann oder möchte, so darf man Passen und muss sich einen Punkt auf der Zählleiste abziehen. Sollte man keine Punkte mehr haben, darf man auch nicht Passen. Passt in diesem Fall das Gebäude nicht mehr auf das Tableau, so muss man für sich das Spiel beenden.

My City – Baukarten / Foto: Spieltroll

Am Ende des Spiels bekommt man für jeden Baum Punkte und für jeden Stein, sowie jedes leere Wiesenfeld Minuspunkte. Hierbei sollte beachtet werden, das immer zwei Steine und Bäume auf den Feldern zu sehen sind. Der Gewinner bekommt zwei Fortschritte und der zweite einen. Zusätzlich zu den Fortschritten erhalten die Spieler je nach Position verschiedene Aufkleber, die sie auf ihren Spielplan kleben müssen. Im allerersten Spiel zum Beispiel muss der erste Spieler einen Aufkleber mit zwei Steinen aufkleben und alle Spieler nach dem zweiten bekommen einen Aufkleber mit einem Baum.

Das ist im Großen und Ganzen das Kernspiel. Nun kommen noch die Legacyregeln durch die Umschläge hinzu. Zu Beginn des ersten Spiels wird der Umschlag geöffnet und der Inhalt enthüllt. In einem Umschlag befinden sich immer mindestens drei Dinge. Einen Regelzettel, der für jede der drei nächsten Partien die Regeln festsetzt. Das allererste Spiel wird so gespielt wie oben beschrieben, ab dem zweiten können weitere Elemente, Belohnungen oder Bestrafungen hinzukommen. Das zweite ist ein Wertungszettel, der für das Ende der Partie vorgibt, was mit Punkten belohnt wird und was bestraft. Als letztes gibt es auch immer einen Bogen mit Aufklebern, die man am Ende oder auch mal am Anfang einer Partie aufkleebn muss.

My City – Kapitelumschläge / Foto: Spieltroll

Das normale Spiel funktioniert ebenfalls genau so, außer das noch ein paar zusätzliche Elemente aus der Kampagne hinzu kommen, über die ich aus Spoilergründen aber nicht sprechen kann.

Das Fazit

Wo fange ich da an, denn hier gibt es tatsächlich ein wenig Redebedarf meinerseits. Kommen wir nochmal auf meine Frau als Spielpartnerin zurück. Sie kann sehr impulsiv sein, aber das sie dann aus Wut ein Spiel abbricht kommt dann doch eher selten vor. Warum das hier nach nur drei Partien der Fall war kann ich nur aus der Situation heraus deuten, dass sie keinen Fuß auf das Spielfeld bekam. Normalerweise ist sie sehr gut in solchen Puzzlespielen und mag sie auch sehr. Hier ging es los und bereits beim vierten Teil oder so, musste sie es eher ungünstig anlegen. Jede Entscheidung die man früh trifft, beeinflusst die späteren. Bei mir hat das alles immer gepasst. War auch noch nicht so schlimm, am Ende bekommt in einer Zweispielerpartie halt nur der Gewinner zwei Fortschritte und muss sich einen Extrasteinaufkleber aufs Brett kleben. Was aber am Anfang einfach auch nicht so wirklich ein Problem darstellt. Sie durfte als Verlierer nur einen Baum aufkleben, der es theoretisch erlauben würde mehr Punkte machen zu können. Das ist als Catch Up-Mechanik gedacht, damit nicht ein Spieler davonpreschen kann. Das funktioniert aber nur so mittelprächtig gut. Nach drei Partien hatte sie immer noch keinen Fortschritt ergattert, weil ich alle drei Parien gewann. Natürlich hat sie probiert die Bäume frei zu lassen, aber dadurch wird das Brett enger, man versucht zwangsläufig die Teile so zu legen, das sie frei bleiben, also haben Spieler, die eh Schwierigkeiten haben die Teile sinnvoll zu legen, noch mehr Probleme, weil frühgetroffene schlechte Entscheidungen eben späte erschweren können. Sie hat halt nicht gut gespielt, das steht außer Frage, aber nach drei Spielen entstand schon der Eindruck, dass man es schwer haben wird aufzuholen. Die Balance zwischen den Fortschritten und der Catch Up-Mechanik ist für mich im Spiel zu zweit nicht optimal gelöst.

Nach Beendigung der gesammten Kampagne mit allen 24 Spielen muss ich dennoch sagen, dass es durchaus seinen Reiz hatte, denn Knizia zaubert hier doch einiges an Veränderungen aus dem Hut, von denen auch einiges durchaus unerwartet kam. Allerdings sind auch hier Dinge dabei die ich gut fand, aber auch eben ein paar, die irgendwie nicht so gut zum Spiel gepasst haben. Nach den 24 Partien war ich dann am Ende auch froh das es zu Ende war. Ich habe keine Große Veranlassung das Spiel nochmal wieder anzufassen. Der normale Modus hat für mich dann jetzt doch nicht einen so großen Reiz. Die Luft ist deutlich raus. Der Gewinner stand auch schon zur Mitte der Kampagne eigentlich fest. Man hatte, auch wenn man nicht wusste, was da noch alles kommen mag, doch den Eindruck, dass derjenige uneinholbar vorne lag.

Insgesamt muss ich sagen, dass mir My City schon Spaß gemacht hat, aber ich das Gesamtpaket irgendwie auch ein wenig seltsam finde. Ein Legacy-Spiel für eine Familie erschließt sich mir nicht so wirklich und lässt mich mit vielen Fragen zurück? Wer soll das eigentlich gut finden? Gamer? Familien? Beide? Also für eine Familie ist es zumindest vom Komplexitätsgrad genau richtig, aber sind die auch bereit sich auf ein Spiel so einzulassen, dass sie 24 Partien in nicht allzu langer Zeit spielen? Für Gamer, die bereit sind sich auf ein Legacy-Spiel einzulassen, bietet es dann aber auch deutlich zu wenig. Eine Partie dauert selten mehr als 20-30 Minuten und das Spiel kann man auch in späteren Kapiteln einfach nebenbei spielen. Es scheint sich aber dennoch zu verkaufen. Für mich ist es ein von vorne bis hinten unverständliches Produkt. Das Cover ist sehr hübsch von Michael Menzel gestaltet, der Rest des Spiels wirkt irgendwie langweilig und uninspiriert. Auch das Thema ist eigentlich austauschbar. Da wäre ich glücklich, wenn man sich mal ein wenig mehr trauen würde und nicht immer die ausgetretenen Pfade beschreiten würde.

My City ist ein Family-Legacy-Spiel, das funktioniert. Nicht mehr aber auch nicht weniger.


  • Verlag: KOSMOS
  • Autor(en): Reiner Knizia
  • Illustrator(en): Michael Menzel
  • Erscheinungsjahr: 2020
  • Spieleranzahl: 2 – 4 Spieler
  • Dauer: 30 Minuten

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